Martin Andersen Nexø (1869 – 1954)

 

Die Legende will, dass Martin Andersen es hasste, seine Bücher unter A eingeordnet zu sehen, weshalb er sich den Beinamen Nexø, nach seinem Heimatdorf, zulegte.

Obgleich Andersen Nexø und Kirk der gleichen politischen Richtung angehörten, war ihr Verhältnis nicht immer ungetrübt. Nexø galt als eigensinniger, selbstverliebter Mensch, insbesondere nachdem er im Ausland große Berühmtheit erlangt hatte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in der DDR, wo er als literarische Ikone verehrt und massenhaft verlegt wurde. Vor allem seine beiden Großromane „Pelle Erobreren“ und „Ditte Menneskebarn“ – das eine beschreibt die Entwicklung und harte Lebensschule eines armen Bornholmer Einwanderjungen auf dem Lande bis hin zum bewussten sozialdemokratischen Funktionär, das andere die schwere Geschichte eines Proletariermädchens – gelten bis heute als Meisterwerke des sozialen Romans. Die künstlerischen Schwächen wurden ob des Gewichts der Bücher mitunter übersehen. Danach erlahmte seine epische Kraft spürbar, doch nur wenige wagten dies, wie Kirk bereits 1929,  öffentlich zu bekennen. Kirk kritisierte Nexøs Roman „Midt i en Jærntid“ hart, trotz und gerade wegen der „aufrichtigen Bewunderung wesentlicher Teile seines Werkes“, da aus diesem die „Tendenz herausragt wie die Knochen aus einer mageren Mähre“.

Kirk schreibt – und es wird hier ausführlich wiedergegeben, da diese poetischen Überlegungen auch zum Verständnis seines eigenen Werkes signifikant sind:

„ … Aber in den letzten Sätzen haben wir Andersen Nexøs Ansicht über die Aufgabe der Kunst klar ausgedrückt. Die Kunst soll im sozialen Kampf gebraucht werden, der Geistesmensch soll in vorderster Front stehen, Literatur soll Tendenz sein! Natürlich soll Kunst brauchbar sein, und das ist sie seit jeher gewesen. Es findet sich nicht viel Literatur, die nicht tendenziös ist. Aber man kann Literatur niemals aus ihrer Tendenz heraus beurteilen. Reicht es, ob ein Buch Tendenz hat oder soll es eine bestimmte Tendenz haben? Andersen Nexø, der sich der Arbeiterklasse angeschlossen hat und für deren Sache kämpft, zweifelt natürlich nicht daran, an welcher Front der Kampf sich abspielt. Aber wenn man Kunst einzig aus seiner Tendenz heraus beurteilt, gelangt man in eine subjektive Sichtweise und einen Jesuitismus ohne Wert. Ein Oberst in der Heilsarmee wird aus seiner Tendenzbetrachtung heraus mit einem gewissen Recht behaupten können, dass nur die Mitarbeiter des ‚Kriegsruf‘ einen wirklichen literarischen Einsatz leisten.  … Wenn ein Sozialist rothaarige Mädchen bevorzugt, so ist über seine subjektive Ansicht nicht viel zu sagen. Aber wenn er so weit geht zu behaupten, dass nur die Rothaarigen Mädchen seien, dann gibt es einen Grund, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass seine subjektiven Empfindungen ihn auf die falsche Fährte führen und dass er die Sache einer erneuten Untersuchung unterziehen sollte.

Maxim Gorki, der größte lebende Proletarschriftsteller, der ein vornehmer Humanist ist, ein großer Künstler und ein Mensch voller Güte und Innerlichkeit, greift an einer Stelle Tolstoi und Dostojewski an. … Obwohl Gorki tief uneinig mit Tolstoi und Dostojewski ist und ihre Meinungen für schädlich hält, verweigert er ihnen nicht die literarische Anerkennung.

Gorki, der selbst künstlerische Vollkommenheit besitzt, ist sich nämlich voll und ganz im Klaren darüber, dass das, was ein Werk zu einem Kunstwerk macht, seine Anschaulichkeit und artistische Form ist. Ein Mann kann so richtige und kluge Meinungen haben wie er will; wenn ihm die künstlerische Formkraft fehlt, wird er nie ein Dichter werden. …

So sicher wie die Literatur ihre soziale Funktion hat, so entschieden hat sie ihren selbständigen Wert.

Kunst muss anschaulich sein und die Tendenz darf nicht aus dem Buch herausragen wie die Knochen aus einer mageren Mähre. Das Ziel des Literaturkritikers ist es nicht, die Bücher, die eine Tendenz haben, welche er nicht leiden mag, niederzumähen, sondern zu untersuchen, welche Aufgabe sich der Künstler gestellt und wie er sie gelöst hat. Er kann auch nicht einfach ein Buch akzeptieren, nur weil dessen Tendenz ihm zusagt. …

In der Verlagsreklame bekommt man zu erfahren, dass es „der dänische Bauer sei, den das Buch schildere“. Aber es ist Unsinn, „den dänischen Bauern“ schildern zu wollen. (Weshalb nicht den dänischen Eisenwarenhändler oder Erd- und Betonarbeiter schildern). Man kann ‚einen dänischen Bauern‘ schildern, aber nicht einen Durchschnitt aller dänischen Bauern. Dass derjenige, der sich dem Arbeiterstand und dem sozialen Kampf verbunden fühlt, die Großbauernklasse politisch angreifen kann, ist leicht zu verstehen. Will man aber ein Buch über ‚den Bauern‘ schreiben, steht man zumindest in der Pflicht, einen Versuch zu machen, seine Verhältnisse zu verstehen. Es geschähe kein Schade, wenn das Bild des übersatten Landbesitzers aus den Spalten der Arbeiterpresse verschwände, und es ist auf jeden Fall nicht angenehm, es in die Literatur aufgenommen zu sehen. Als Roman ist das Buch so misslungen, wie es überhaupt nur sein kann, und als Pamphlet fehlt ihm die Schärfe und wirklicher Biss. Zum Glück kennen wir einen anderen Andersen Nexø – Pelles und Lasses klugen und menschenliebenden Verfasser.“ (Midt i en Jærntid. 1929, Hervorhebung JS)

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

 

Literatur:

Hans Kirk: Midt i en Jærntid. In: Litteratur og tendens. Essays og artikler. Gyldendals Uglebøger. København 1974. S. 80 – 86

Martin Andersen Nexø: Pelle Erobreren (1906–10)

Martin Andersen Nexø: Ditte Menneskebarn (1917–21)

artin Andersen Nexø