Hans Scherfig

Kein anderer moderner Roman in Dänemark hat auch nur annähernd einen ähnlichen Kultstatus wie Hans Kirks „Die Fischer“ – mit einer Ausnahme: „Det forsømte forår“ (Der versäumte Frühling) von Hans Scherfig. In beiden Fällen haben aufwendige Verfilmungen in den 70er und 90er Jahren einen Extraschub an Popularität verschafft; heute kennt sie jedes dänische Kind, denn sie sind sprichwörtlich geworden. Mit seinem dritten und erfolgreichsten Roman schien Scherfig, der zeitlebens auch ein sehr produktiver Maler war, schon als junger Autor seinen literarischen Gipfelpunkt erreicht zu haben. Stilistisch ähneln sich alle seine Romane, in allen findet man diesen trockenen und beißenden Spott, diese gnadenlose Satire, die scheinbar unbeteiligt die absurdesten Missstände referiert und unverhohlen hinter alle Masken schaut, und in fast allen steht eine Kriminalgeschichte im scheinbaren Mittelpunkt.

In seinem ersten Roman „Den døde Mand“ (Der tote Mann) von 1937 galt Scherfigs Häme noch bestimmten Künstlerkollegen, Möchtegerngenies, die dauernd dummes lebensfernes und idealistisches Zeug reden und ihre Fahne dann doch nach dem Wind hängen. Dass sie gesellschaftliches Produkt und also gesetzmäßige Erscheinung sind, scheint nur vage durch, aber dass Charakterfestigkeit, Mut und Wille zur Veränderung Scherfigs Kardinaltugenden sind, wurde schon hier deutlich. Das bewies sich auch im darauffolgenden Buch „Den forsvundne fuldmægtig“ (Der verschwundene Kanzleirat), das allerdings noch ein drittes äußeres Kennzeichen seiner Romankunst offenbarte: Scherfig liebte es, bekannte Figuren in neuen Büchern weiter zu entwickeln. Auch dieses Buch wurde verfilmt, übrigens mit dem unvergesslichen Ove Sprogøe in der Hauptrolle. Darin wird der Versuch eines nach außen glücklichen Beamten und Familienvaters beschrieben, einen Lotto-Zufall zu nutzen, um in einer ad-hoc-Entscheidung aus dem bürgerlichen Leben komplett zu verschwinden. Allerdings stellt sich das freie Leben für einen von gesellschaftlichen Konditionierungen geplätteten Spießer als noch schwerer dar – die berühmte „Furcht vor der Freiheit“, wie Erich Fromm sie zeitgleich bearbeitet – und schließlich findet er sein vollkommenes Glück im Gefängnis, wo man versorgt wird und bar aller Eigenverantwortung in einem geregelten Leben glücklich sein kann. Dieser bitterböse Roman hatte schon deutlich an gesellschaftspolitischem Gewicht zugelegt und ließ noch Großes von Scherfig erwarten. Schon zwei Jahre darauf lieferte er es!

„Det forsømte forår“ wurde sein großer nationaler Erfolg, es verkauft sich bis heute, das Bild des „versäumten Frühlings“ für eine an die Schulzucht verlorene Kindheit, ist in die Alltagssprache eingegangen. In diesem Buch rechnet Scherfig mit der modernen Schule, dem Gymnasium, ab. Er kann in ihr nur eine Drillanstalt sehen, in der selbst kaputt gespielte und z.T. psychopathische, in irgendeiner Form ihre Machtphantasien auslebende Lehrer systematisch junges Leben zerstören oder zumindest soweit zurückstutzen, dass nur noch verkrüppelte Existenzen aus ihm hervorgehen können. Von all den ideenreichen und hoffnungsvollen Jungen, die alle ihre ganz persönliche Stärke haben, bleibt nur einer seiner jugendlichen und allzu berechtigten Lebensauffassung treu, aber nur zum Preis der gesellschaftlichen Ächtung, als intellektueller Clochard. Alle anderen erklimmen zwar die soziale Leiter, werden Ärzte, Priester, Journalisten oder Polizeibeamte, doch sind sie innerlich alle leblos und selbst zu Sadisten oder Masochisten mutiert, wiederholen in Variationen das verkehrte Leben ihrer Lehrer. Einer von diesen bezahlt seine Quälereien mit dem Leben … Scherfig griff das Schulwesen als eine wesentliche Komponente der gesellschaftlichen Verstümmelung des Individuums exemplarisch heraus.

Die Betonung der systematischen Zusammenhänge ist substantiell, um den Wert dieses Buches zu verstehen, denn Scherfig will darauf aufmerksam machen, dass das bürgerliche System gar nicht anders kann, als seine Menschen zu biegen und zu brechen und dass dies zur Reproduktion des Systems sogar notwendig ist. Im Grunde genommen geschieht dies an allen gesellschaftlichen Fronten, der Bildungsbereich lag bereits dem frühen Essayisten Scherfig, der offensichtlich Selbsterlebtes verarbeitete, besonders am Herzen.

Doch hat das Buch noch eine ganz andere, weitgehend übersehene Bedeutung. Mit ihm wagt Scherfig seinen ersten Kollektivroman und das kann nicht ohne den direkten Einfluss Hans Kirks gedacht werden. Allein dieses eminente Beispiel zeigt die künstlerische Bedeutung der drei Romane Kirks: „Die Fischer“, „Die Tagelöhner“ und „Die neuen Zeiten“. Sie sind nicht nur in sich Meisterwerke, sie strahlen auch in die Werke zahlreicher skandinavischer Schriftsteller von Rang hinein. Im Falle Scherfigs überrascht das nicht, denn die beiden vereinte nicht nur die gemeinsame kommunistische Weltanschauung, sie waren auch eng miteinander befreundet. Dem Kreis, dem neben Scherfig auch Otto Gelsted, Carl Madsen, Børge Houmann, Herluf Bidstrup und andere heute ikonische Persönlichkeiten angehörten, war Kirk eine Art Vaterfigur, der man lauschte, wenn sie mit ruhigem Ton etwas zu sagen hatte.

 

Kirk und Scherfig

Die revolutionierende Stilidee wurde in „Idealister“ fortgesetzt, ohne freilich weiter entwickelt zu werden. Scherfig widmete sich nun einer anderen Frucht der bürgerlichen Gesellschaft, den Esoterikern, den Idealisten, Utopisten, Spinnern, kurz, den Welt- und Realitätsflüchtern. Wer die vorherigen Romane kennt, wird dieses Buch kaum als Weiterentwicklung auffassen können, denn spätestens hier wird deutlich, dass Scherfigs sprachlich-stilistische Möglichkeiten durchaus begrenzt sind; ein hoher repetitiver Anteil, der der einzelnen Satire zugutekommt, kann beim Leser auch Ermüdungserscheinungen hervorrufen. Trotzdem blieb das Buch nicht ohne Wirkung, doch dürfte das seiner Funktion als Schlüsselroman geschuldet sein und ergo einer gewissen Freude an der Bloßstellung öffentlicher Personen.

Ironischerweise wurde aus diesem Grunde Scherfigs fünftes und künstlerisch schwächstes Buch „Skorpionen“ von 1953 sein international erfolgreichstes. Diesmal sind es das Justizwesen und die Polizei im bürgerlichen Staat, die an Scherfigs Spott zu leiden haben. Mit seinem typisch trockenen Berichterstatterstil, gespickt mit satirischen Überspitzungen und Antinomien, beschreibt er die Verstrickungen von Politik, Medien, Polizei und Unterwelt. Scherfig nimmt einen seinerzeit aufsehenerregenden Kriminalfall als literarisches Vorbild und das garantierte den Erfolg. Es ging um Kollaboration, um Schwarzhandel im großen Stil, Schmuggelei, Erpressung, Zuhälterei etc., sämtlich Themen, welche die Nachkriegsgeneration erbosten. Es ging vor allem um die Zusammenarbeit mit den deutschen Faschisten und das entpuppte sich bald als Vorarbeit zu einem anderen Roman. Übersetzt wurde „Der Skorpion“ in 20 Sprachen, alle osteuropäischen darunter. Künstlerisch schien Scherfig ausgebrannt, aber neun Jahre später überraschte er mit einem letzten großen Roman, dem dänischen Besetzungsroman schlechthin: „Frydenholm“.

 

Frydenholm

Dieses Buch schließt an seine beiden letzten Romane an: Es nutzt die Personage aus „Idealister“, erzählt deren Geschichte fort und das Sujet aus „Skorpionen“, weitet dies aber deutlich aus. Schon äußerlich unterscheidet sich „Frydenholm“ durch seinen vierfachen Umfang von den bisherigen Werken. Tatsächlich sind Scherfigs Ansprüche gewachsen, er will einen allumfassenden Roman  schreiben und die bittere Zeit der deutschen Besetzung akribisch, von links aus gesehen, dokumentieren. Das Buch muss wie eine Bombe eingeschlagen haben, stellt es doch einen Vorwurf an die gesamte dänische Gesellschaft dar – vom König bis zum Bauern, vom Staatsminister bis zum Arbeiter. Sie alle haben versagt, nur der kommunistische Widerstand habe, wenn auch mit vielen taktischen Fehlern, den Aufstand gewagt. Ein verklärendes Element ist dem Buch nicht abzusprechen, trotzdem steckt es zurecht den Finger in die Wunde und ruft den Landsleuten das eigene Versagen zurück ins Gedächtnis. Gerne erinnert man sich bis heute der „modstandsbevægelse“, der Widerstandsbewegung, die lange Zeit fast unsichtbar war und erst mit den militärischen Niederlagen im Osten auch in Dänemark an Fahrt zunahm ohne den Nazis je ernsthaft gefährlich werden zu können, vergisst dabei aber oft zu erwähnen, dass Krone, Politik und Wirtschaft sich wehrlos ergaben und fügten und später im großen Stile wirtschaftlich von der Zusammenarbeit mit Deutschland profitierten, dass tausende sich freiwillig im „Korps Danmark“, einer SS-Abteilung, meldeten, dass es ganze nazifizierte Gegenden gab, dass nach dem Krieg schließlich 40 000 Menschen der Kollaboration angeklagt werden konnten etc. All das schreibt Scherfig seinen Landsleuten zu Beginn der friedvollen 60er Jahre ins Stammbuch und erinnert sie an ihre Scham. Schon aus historischer Sicht sollte dieses Opus magnum zum Lesestoff gehören, zumal Scherfig, wie gesagt, den großen Blick wagt und damit seinem Freunde Kirk folgte, der als erster in seiner Tagelöhner-Trilogie die Kollektivromantechnik nutzte, um das Große und Ganze, die Gesamtgesellschaft in den Blick zu bekommen. Das liest sich bei Scherfig konsequenterweise weniger flüssig, denn seine Sprache hat, seinen Bildern ähnlich, einen primitivistischen Zug, sie will zuerst fest- und erst danach unterhalten.

Ein Großteil des Buches behandelt die kommunistische Internierung. Am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion forderten die deutschen Besatzer die dänischen Behörden auf, alle führenden Kommunisten zu internieren. Damit würde das Grundgesetz endgültig gebrochen werden. Das konnten sich die meisten Dänen nicht vorstellen. Ein nächtlicher Anruf bei Stauning, dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten, brachte nur eine resignierte Einwilligungsgeste und so wurden am 22. Juni hunderte führende Kommunisten, weit mehr als von den Nazis gefordert, inhaftiert, unter ihnen Hans Scherfig und Hans Kirk. Anfänglich wurden die Gefangenen unter unwürdigen Bedingungen im Vestre Fængsel gehalten, später im Barackenlager Horserød. Scherfig, der wegen seiner Augenprobleme nach einem halben Jahr entlassen wurde, beschreibt bis ins Detail hinein die tagtäglichen Auseinandersetzungen mit dem von Minderwertigkeitsängsten geplagten Lagerchef Bentzen alias Henningsen, beschreibt den Alltag, die Verhältnisse, die Schikanen, aber auch die solidarischen Leistungen, den heimlichen Tunnelbau, die missglückte erste Flucht, die glücklichere zweite, bei der auch Kirk 1943 das Entrinnen gelang, bis hin zum Abtransport einiger Gefangener nach Stutthof, den nicht alle überlebten … und das beschreibt er akribisch, obwohl er gar nicht dabei war. Dabei korrespondieren so zahlreiche Details mit Lebenserinnerungen Kirks, dass man ihn als Primärquelle unbedingt annehmen muss. Sogar Kirksche Romanfiguren – wie auch Tom Kristensens Ole Jastrau aus „Hærværk“ – werden in die Handlung integriert. Sowohl die Figur des Oberlehrers Magnussen als auch die Zentralfigur des Kommunisten Martin Olsen, ja selbst dessen Frau tragen Kirks Züge oder teilen das familiäre Schicksal. Man kann davon ausgehen, dass Kirk seinem sieben Jahre jüngeren Freund sehr genau vom Lagerleben berichtete. Ein Brief an Scherfig aus dem Jahre 1943 legt sogar eine direkte Inspiration nahe: „Es ist sehr schade, dass du Bentzen nicht kennen gelernt hast – er würde eine wunderbare Figur in einem deiner Romane darstellen, aber man muss ihn erlebt haben.“[1]

Die wichtigste Inspiration dürfte aber auf technischer Seite gelegen haben, denn ohne Kirks Tagelöhner-Romane wäre auch „Frydenholm“ in dieser Form, mit seinen zahlreichen handelnden Personen und der kollektiven Schilderung, nicht vorstellbar gewesen. Erst die neuartige Form versetzte Scherfig in die Lage, die zweijährige traumatische Leidenszeit aus allen sozialen Blickwinkeln heraus zu erhellen und zumindest für einen Teil der administrativen Maschinerie den Konstruktionsplan offen zu legen.

 

Literatur:

Hans Scherfig:

Den døde mand

Den forsvundne fuldmægtig

Det forsømte forår

Idealister

Skorpionen

Frydenholm

 

Morton Thing: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. Gyldendal København 1992

 



[1] Morton Thing S. 254