Herman Bang: Stuk/Stuck (1887)

 

Adolf blev mer og mer nervøs af at se paa disse levende Automater, der rejste sig og gik op og ned og atter satte sig; alle gik de rundt med samme Udtryk af Aandsfraværelse,som om den ene smittede den anden. Og saa denne Dør, der gik op og i hvert femte, tiende Minut, lydløst paa sin Filt ...

 

Herman Bang (1857 – 1912) war eine jener übersensiblen Existenzen, die es von vornherein schwer in einer kälter werdenden kapitalistischen Gesellschaft haben. Die lang verheimlichte, aber in verdeckten Andeutungen im Feuilleton öffentlich besprochene Homosexualität, sein kleiner Wuchs, sein asymmetrisches, doch schönes Gesicht, die melancholischen Augen, seine verständliche Menschenscheu, die manische Nervosität und die offen ausgelebte, stets aufs Neue erfahrene Andersheit leisteten ein Übriges – Bang war, wie Kierkegaard einst, öffentliche Person, jedoch fast ohne Freunde. Ein gewisser misanthropischer Zug wäre verständlich gewesen, aber Bang hat mit „Tine“ und „Ved Vejen“ zwei der empfindsamsten und einfühlsamsten Novellen der europäischen Literatur verfasst. Bedenkt man noch seinen ausgeprägten Ästhetizismus und sein durchaus zur Schau getragenes Modebewusstsein oder seinen bürgerlichen Intellektualismus, so kann man sich kaum eine konträrere Gestalt zu Kirk vorstellen.

Und doch gibt es einen entscheidenden Berührungspunkt und der liegt in Bangs vergleichsweise wenig gelesenen, aber außerordentlich wichtigen und viele Künstler inspirierenden Roman „Stuk“. In dieser bitter-ironischen Schilderung des großstädtischen dekadenten Salon- und Theaterlebens, in diesem, in viele Szenen und Momentaufnahmen zerfetzten, unruhigen Roman mit großer Personenzahl, hat man einen der frühesten Vorreiter des komplexen und des sogenannten Kollektivromans zu würdigen. Das wird meist übersehen, denn die Literaturwissenschaft hat sich darauf geeinigt, „Stuk“ als Glanzstück des Impressionismus zu behandeln und tatsächlich ist das Buch wie ein Gemälde Van Goghs oder Monets aus tausend Einzeltupfern zusammengefügt. Das ergibt einen nicht leicht zu lesenden, fahrigen, zerstückelten, friedlosen Roman, dessen Schönheit keine auf den ersten Blick ist. Doch war er von revolutionärer Kraft. Die Oberflächlichkeit, die Hektik, der Lärm des modernen Lebens wurden erstmals künstlerisch adäquat eingefangen – nicht darüber wurde geschrieben, sondern sie waren im Text eingefangen. Die zahlreichen Figuren sind Masken, die sich existentiell nicht mehr begegnen; kaum wird man den autobiografisch angelegten Herluf Berg als genuinen Helden durchgehen lassen können – es steht das Gesamte auf der Bühne, die Menge, die Gruppe, könnte man sagen, wenn es denn einen Zusammenhalt gäbe. Bang zerhackt die Syntax durch Satzzeichen, kurze Stakkatosätze, Leerräume, Bindestriche, Ausführungszeichen, Klammern, Kommata etc. Selbst Georg Brandes, der zur gleichen Zeit gerade den anderen Meister des unausgesprochenen Wortes, Friedrich Nietzsche, entdeckte und der akademischen Welt vorstellte, konnte mit dieser elaborierten Prosa nichts anfangen. Bang hatte, Proust antizipierend, das seltene Sensorium für das Nebensächliche, das Abseitige, die Pausen, das Ungesagte, das Verstummen und Schweigen, auch das Geschwätz und Gerede, den gesenkten Blick, die unauffällige Geste, den Tonfall, die Stimmung und die Atmosphäre und die Sprachmacht, dies aufs Papier zu bannen.

Und hier ist Kirk – das ist sichtbar – wohl in Bangs Schule gegangen, wenn er auch den breiten Pinsel und die kräftigen Farben wählte. Ganz andere Bilder entstehen bei ihm – schon das Sujet ist verschieden –, aber wie man durch Aneinander- und Übereinanderzeichnen Stimmung und Atmosphäre herstellt, wie man eine Vielzahl an Figuren beherrscht und ineinander überlaufen lässt, wie man diese unauffällig psychologisch durchleuchtet, wie man dabei das Gesamtensemble sich entwickeln lässt, das konnte man von kaum jemandem besser lernen als von Herman Bang.

 

PS: „Stuk“ dürfte der erste Roman der Weltliteratur sein, der das Wachsen und Platzen einer Spekulationsblase beschreibt – selbst aus politischer Sicht ist er eine Wiederentdeckung wert.

 

Herman Bang in der Karikatur: "Der nächste Ausstellungstag". Eduard Brandes nannte Bang "den lille Abekat", den kleinen Affen (Lackaffen) und tatsächlich wurde er als öffentliche Person wie ein exotisches Tier begafft und verfolgt. Die Karikatur zeigt eindrücklich Bangs Andersheit aber auch seine Sophistikation und Empfindsamkeit.

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Literatur:

Bang, Herman: Stuk

Bang, Herman: Tine

Bang, Herman: Ved vejen

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel