Hans Kirk gehört zu den Giganten der modernen dänischen Literatur – in Dänemark kennt ihn jeder, denn seine Bücher sind die am häufigsten verkauften literarischen Werke überhaupt und werden auch in den Schulen behandelt. In erster Linie spricht man über „Die Fischer“. Dieses Buch hatte Kirk 1928 sofort weltberühmt gemacht. Es war der erste Kollektivroman der Weltliteratur, der diese Bezeichnung verdiente und schon er überragte in seiner Ausgewogenheit und kompositorischen Komplexität die großen Vorläufer: Zola’s „Erde“, Reymonts „Die Bauern“, Barbusse' "Das Feuer", Dos Passos' "Manhatten Transfer", Huxleys „Kontrapunkt“ usw.

Aber Kirk war selbst unzufrieden mit dem Roman und versuchte die Technik und das Sujet mit der Tagelöhner-Trilogie zu vervollkommnen. Und das ist ihm exemplarisch gelungen, denn hier wird der gesamtgesellschaftliche Blick gewagt, werden die inneren Entwicklungsprozesse der Protagonisten psychologisch feinfühlig dargelegt. So begegnen dem Leser jede Menge lebendiger Figuren, jede einzelne birgt einen inneren rätselhaften Schatz, den zu entdecken ein Genuss für den Leser ist. …

Aus einstigen Tagelöhnern und Kleinbauern werden Fabrikarbeiter, denn auf kargem Boden entsteht eine große Fabrik. Kirk nutzt diese einschneidende Transformation nicht nur, um den Kern des Dänischen herauszuschälen, er zeigt auch die ökonomischen, politischen und psychologischen Konsequenzen auf und das in einer ganz eigenen, flüssig lesbaren Sprache und einem ironischen Oberton, der aller philosophischen Tiefe die Schwere nimmt. Mit seinem fortschrittskritischen Impetus und einer Öffnung zum Spirituellen wirkt das Buch auch nach einem dreiviertel Jahrhundert aktuell. Unvergessliche Figuren sind zu entdecken, prachtvolle Frauengestalten darunter.


Kirk Tagelöhner


Kurz und gut: Eine Lücke wird geschlossen mit dieser Erstveröffentlichung, nicht nur für den Kenner skandinavischer Literatur sondern großer Literatur überhaupt!

Umschlagtext: Durch harte Arbeit entreißen die Menschen am Fjord dem kargen Boden einen Lebens­unterhalt. Armut, Missernte und Unwissen machen sie leicht zu Opfern der Groß­bauern und religiöser Menschen­fischer. Marinus Jensen ergibt sich in Demut seinem Schicksal, Tora, seine Frau, bewahrt ihren Stolz. Cilius hingegen, der einen Mann zum Krüppel geschlagen hat und Schnaps säuft wie ein Pferd Wasser, begehrt auf …
Doch die Erde birgt unbekannte Schätze. Als Høpner aus Amerika diese auszubeuten beginnt, gibt es umstürzende Veränderungen. Nun zeigen sich die wahren Charaktere der Menschen.
Wie selten jemandem zuvor gelingt Kirk ein umfassendes gesellschaftliches Gemälde. Pralle Figuren, kritischer Geist, tiefgründige Ironie zeichnen seine besten Bücher aus.
Hier haben wir große Literatur.

Aus dem Nachwort:

Wirklich perfektioniert wurde die neue Romanform des Kollektivromans nicht mit „Die Fischer“, seinem erfolgreichsten Roman, sonder erst mit den „Tagelöhnern“ und den „Neuen Zeiten“. Im Unterschied zu den „Fischern“ wird hier keine geschlossene Gesellschaft beschrieben, sondern sind alle Gesellschaftsschichten präsent. Mehr als vierzig handlungstragende Charaktere galt es zu meistern – eine nicht zu unterschätzende Leistung. Jeder einzelne ließe sich in seiner Widersprüchlichkeit verfolgen und böte wunderbaren Stoff für literarische oder psychologische Diskussionen. Um diese Fülle zu beherrschen sind normalerweise viele hundert Seiten von Nöten – die Ausdruckskraft der Mosaiktechnik des Kollektivromans wird nirgends deutlicher als in diesen beiden noch immer recht schmalen Büchern. Kirk webt aus vielen einzelnen Fäden einen facettenreichen Erzählteppich, der gleich mehrere Motive zu vereinen scheint. Eines davon ist die ausgewogene Bearbeitung des Weiblichen und Männlichen. Was finden sich hier nicht für faszinierende Frauengestalten! Auch beschränkt sich seine Konfliktbeschreibung nicht nur aufs Religiöse, selbst wenn es in den „Tagelöhnern“ noch immer eine große Rolle spielt. Religion war für ihn stets ein soziales – das karge Leben an der Westküste favorisierte etwa die Innere Mission, ein materiell abgesichertes Dasein dagegen erlaubte den gemäßigten Grundtvigianismus – und ein erotisches Phänomen, als eine Form der sexuellen Triebunterdrückung. Vor allem aber, und das dürfte Kirks Hauptgedanke bei seiner selbstkritischen Reflexion des Romans, die „Fischer“  gewesen sein, dass dieser vom Ende her erzählt war und das musste mit den „Tagelöhnern“ korrigiert werden. Es gibt in der Fischergemeinde kaum eine soziale Entwicklung, nur individuelle, lediglich die innere Dynamik der Personen wird ausgelebt, wohingegen in diesen beiden exemplarischen Kollektivromanen gesellschaftliche und individuelle Entwicklung in verschiedenen Tempi beschrieben wird. Die Realgeschichte ragt in die fiktionale Geschichte hinein, ohne je zu konkret zu werden.

Stellte man sich die Frage nach den konkret historischen Zusammenhängen, so wird man die Antwort in Kirks Biographie zu suchen haben. Geboren wurde er in Hadsund am Mariagerfjord und besonders in seiner Kindheit und Jugend verbrachte er viel Zeit in dieser landschaftlich und charakterlich höchst eigenen jütländischen Gegend, wo ein Völkchen ganz besonderer Art lebte. Am gegenüberliegenden Ufer des Fjords arbeitete die große Zementfabrik in Assens, deren massive Silos noch heute das Landschaftsbild prägen. Die Fabrik änderte das Leben der umliegenden Bauern, Tagelöhner und Fischer auf das Entscheidendste. Viele von ihnen wurden Lohnarbeiter.

Großartige Schriftsteller haben die industrielle Welt und ihre menschlichen Konsequenzen beschrieben: Dickens, Zola, Gorki, Sinclair, Brecht … aber keiner, so will es scheinen, auf solch helle Art und Weise wie Hans Kirk. Denn Witz und Ironie sind Wesensbestandteile seiner großen Bücher. Kann man sie, trotz aller Ernsthaftigkeit und Bedeutsamkeit, anders als schmunzelnd lesen? Ist nicht jede Figur, selbst die abgründigste, selbst Andres, Magda, selbst Høpner, sogar Cilius, der einen Mann zum Krüppel geschlagen hat, ja sogar der bigotte Martin Thomsen und der (g)eifernde Missionar Karlsen, sind sie nicht alle auch liebenswert? Kirk gelingt es, jeden Charakter nachlebbar zu gestalten, mit wenigen, gleichsam skizzenhaften Strichen, lässt er volle Charaktere entstehen. Hinter jeder Romanfigur befinden sich leibhaftige Menschen, Individuen und zugleich Typen, mitunter Archetypen, nur selten wandelt er auf dem schmalen Grat zur Karikatur, zur Lächerlichkeit. Mit anderen Worten, Kirks Figuren sind zugleich sie selber und sie repräsentieren, stellen dar, verkörpern … eine Position, einen sozialen Status, eine Ideologie, eine psychische oder gesellschaftliche Verfasstheit.

 Die Tagelöhner Rückseite

 Hans Kirk:
»Die Tagelöhner«
Aus dem Dänischen
von Jörg Seidel

Mit einem Nachwort und Anmerkungen
versehen vom Übersetzer

ISBN 978-3-937206-09-7
348 Seiten
Paperback
14,90 €