Carsten Jensen

 

Bis Ende der 90er Jahre war Hans Kirks „Die Fischer“ das am meisten verkaufte Buch in Dänemark und ist es möglicherweise noch immer. Peter Høegs „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ machte ihm ernsthafte Konkurrenz. Ein derartiger nationaler und internationaler Erfolg war wohl – sieht man von der Kriminalliteratur ab – nur noch Carsten Jensen vergönnt, der mit „Vi, de druknede“ (dt. „Wir Ertrunkenen“) einen Weltbestseller geschaffen hatte, der auch in Deutschland, England und den USA ein Verkaufsschlager wurde. Darin erzählt Jensen über mehrere Generationen die Geschichte seiner kleinen Heimatstadt Marstal und die spielte sich verblüffender Weise vor allem auf dem Meer ab. „Vi, de druknede“ steht in der Tradition der großen Seefahrtromane, in der Tradition von Joseph Conrad, Herman Melville oder auch Robert Louis Stevenson. Diese Verweise sind offensichtlich, dass aber auch Hans Kirk zu den eindrücklichsten Inspirationsquellen Jensens gehört, ist weit weniger bekannt.

Dabei begann seine literarische Laufbahn mit einer umfangreichen Arbeit ausgerechnet über Kirk: „Folkelighed og utopi. Brydninger i Hans Kirks forfatterskab“ („Volkstümlichkeit und Utopie. Brüche in Hans Kirks Autorschaft“) ragt unter den literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem modernen dänischen Klassiker durch eine ganz eigenständige und originäre Herangehensweise heraus – Jensen offenbart sich schon hier als selbständiger Kopf. Der bisherige Kirk-Diskurs war stark marxistisch, meist orthodox-marxistisch und vor allem ideologisch geprägt, die meisten Autoren ließen sich nicht auf die internen Fragen der Bücher ein, sondern stellten aus ihrer als Wahrheit angenommenen Sicht Fragen an das Werk, das dann entsprechende „Mängel“ offenbarte. Zu sehr war man mit der Kategorie „Kommunismus“ – was immer das bedeutet – beschäftigt, zu wenig wurden Werk und Verfasser getrennt. Nun war zwar auch Jensen von linken Theorien gesättigt, von Lukács,  Bloch, Adorno, Gramsci und anderen Ikonen der linken 68er-Bewegung, aber erstens brachten diese Philosophen selbst schon originäre und antiautoritäre Impulse in die marxistische Diskussion ein und zweitens nutzt Jensen sie kreativ (siehe: Sekundärliteratur).

Liest man die diversen Interviews des heutigen Professors der Literatur, dann wird man Kirk immer wieder als Inspirationsquelle und Referenzpunkt genannt finden. Selbst für seinen großen Roman dürften Kirks Kollektivromane Bedeutung gehabt haben. Nicht nur stand auch Jensen vor der Aufgabe eine große Gruppe an Menschen – das „Wir“ des Titels signalisiert schon den kollektiven Anspruch – lebendig werden und sie interagieren zu lassen, mit der starken Frauenfigur Klara schuf er auch eine an Kirks Tora erinnernde Gestalt. Sie beschließt, nachdem Mütter, Töchter, Schwestern und Ehefrauen immer wieder Männer an die See verlieren, das soziale Gefüge von Grund auf umzukrempeln und die alte Seefahrerbastion zu einem friedlichen Bauerndörfchen werden zu lassen. Damit stellte Jensen eine große Frage an seine Nation und nahm unausgesprochen zugleich zu Kirks identitätsprägenden Arbeiten Stellung: Ist Dänemark ein Agrar- oder ein maritimes Land, sind wir Bauern oder Fischer?

So lebt Hans Kirk in Werk und Schaffen des meistverkauften dänischen Literaten des 21. Jahrhunderts gleich mehrfach fort.

 

Tipp: Carsten Jensens großartiger Reise-Roman „Jeg har set verden begynde“ (leider nur auf Englisch zu haben: „I have seen the world begin“) muss zu den Meisterwerken des Genres gerechnet werden.

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

 

Literatur:

Carsten Jensen: Folkelighed og utopi. Brydninger i Hans Kirks forfatterskab. Gyldendal. København 1981. 247 Seiten

Carsten Jensen: Jeg har set verden begynde. Rosinante Paperbacks. København 1996, 56o Seiten

Carsten Jensen: Vi, de druknede. Gyldendal København 2006, 696 Seiten