Ellen Kirk (1902 – 1982)

 

1931, als Hans Kirk gerade an seinem Meisterwerk „Die Tagelöhner” schrieb, veröffentlichte Ellen Kirk, seine drei Jahre jüngere Schwester, den erfolgreichen und „frischen Roman“[1] „Med Fjerkost og Kasserolle“ (Mit Federwedel und Kasserolle), von dem allein in Dänemark mehrere Tausend Exemplare verkauft wurden, der aber auch in verschiedene Sprachen übersetzt worden war. Die beiden Geschwister hatten seit jeher ein sehr enges Verhältnis und offenbar half Hans Kirk der Schwester bei der Platzierung des Romans[2]. Beide schreiben in den 30er Jahren zahlreiche Novellen für das Wochenblatt „Hjemmet“.

 Kirk Gelsted Jensen

Auf den ersten Blick könnte man „Med Fjerkost og Kasserolle“ für einen belanglosen und unterhaltsamen Frauenroman halten und das ist er in hohem Grade auch, denn Kostüme, Mode, Make-up, Frisuren, Rezepte und weibliche Intrigen nehmen einen bedeutenden Teil der Erzählung ein; bei genauerer Hinsicht zeigen sich jedoch auch höhere inhaltliche Ambitionen. Erzählt wird die Geschichte zweier junger dänischer Frauen, die in Frankreich als Haushaltshilfe – heute würde man Au-pair sagen – in einem Privathaus arbeiten. Es gelingt Ellen Kirk auf amüsante Art und Weise die Schwierigkeiten der Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, Mentalität und Sprache aufzuzeigen. So glaubt das dänische Mädchen sich etwa von einem ausgezeichneten französischen Kavalier begleitet, der wiederum liest jede ihrer Distanzmanöver als erotisches Spiel und erst als er zur kategorischen Tat schreiten will, wird der Irrtum offensichtlich: „Das tut mir leid, Mademoiselle, wir haben uns vollkommen missverstanden. Ich glaubte, Ihre Naivität war Komödienspiel. Die Sitten Ihres Landes müssen höchst seltsam sein, aber seien Sie froh, dass ich Franzose und nicht Italiener oder Spanier bin.“ (38) Über den Unterhaltungswert hinaus, will Ellen Kirk derartige Szenen aber auch als feministisches Manifest verstanden wissen, das Phänomen der weiblichen Liebe thematisieren und ein Bild der selbstbewussten dänischen Frau entwerfen, die freilich im Macholand nicht recht glücklich werden kann.

Ihr zweiter Roman „Oprør“ (Aufruhr), der nur ein Jahr später erschien, blieb weitestgehend unbekannt, obwohl er viel radikaler und zum Teil sogar schockierend die feministische Idee aufgriff. Schon der erste Satz – „‘Du Niels,‘ Ingrid jagte die Nadel in die graue Socke, die sie gerade stopfte. ‚Hast du jemals einen Menschen richtig geliebt?‘“ – deutet das Programm an: die Befreiung der Frau aus dem männlichen und hauswirtschaftlichen Gefängnis, und wenig später macht Ingrid mit ihrer Frage „Hast du dich jemals beim Apfelessen selber gehört?“, deutlich, dass wir es mit einer außergewöhnlichen Frau zu tun haben. Ellen Kirk weiß Effekte zielsicher einzusetzen, kann aber noch immer nicht auf die weiblichen Klischees wie Schönheit, Mode oder weibliche Konkurrenz verzichten. Immerhin weist sie mit letzterem auf die Schwierigkeit des antipatriarchalen Kampfes hin, denn der ist nicht nur gegen „die“ Männer zu führen, sondern auch gegen all jene Frauen, die sich ihm ergeben haben. Ingrid jedenfalls leidet unter ihrer Ehe, unter ihrem trögen Mann, unter der Sinnlosigkeit und Ereignislosigkeit ihres Lebens und so lässt sie sich, „aus Langeweile – aus Neugier“ auf einen Casanova ein, später auch noch auf einen Studenten und, um es kurz zu machen, wird schwanger und das, obwohl sie Kinder überhaupt nicht mag. Nicht wissend, wer von den drei Männern der Vater ist, will sie eine illegale Abtreibung vornehmen, doch sind die Umstände nicht so, sie bekommt ihr Kind. Elend und lebensmüde liegt sie nach der Entbindung im Bett. Und dann geschieht das Wunder: das Neugeborene im Arm, es spürend und riechend, wird ihre Liebe zum Kind geweckt, was ihr wiederum die Kraft gibt, „ihrem Mann“ samt versammelter Familie die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, sich von allem und allen zu trennen und gemeinsam mit einer Freundin und den beiden Kindern eine eigene Landwirtschaft aufzubauen.

Beachtenswert wird der Roman durch ebenjenen Schluss, der Frauenkommune, sowie  dem ausgesprochenen Bekenntnis „Das Kind gehört mir“ und dem unausgesprochenen „Mein Körper gehört mir“ und „Mein Leben gehört mir“. Das muss zu Beginn der 30er Jahre, aus der Feder einer Autorin zudem,  schockierend gewirkt haben, ebenso wie der sehr freie Umgang mit den sexuellen „Seitensprüngen“ der jungen Frau, die keinerlei Rechtfertigung verlangen, die in sich selber begründet und berechtigt sind. Diese Radikalität lässt über künstlerische und kompositorische Schwächen hinwegsehen – ob es nun aber das eine oder das andere war, was den aufrührerischen Roman trotz des berühmten Namens schnell in der Versenkung verschwinden ließ, kann nur gemutmaßt werden.

 

Darüber hinaus arbeitete Ellen Kirk als Journalistin und Übersetzerin aus dem Englischen (z.B. Walther Scott, Francis Parkinson Keyes u.a.) und wurde 1974 mit dem prestigeträchtigen Ehrenpreis des Dänischen Übersetzerbundes geehrt.

ellen Kirk 1935

Literatur:

Kirk, Ellen: Med Fjerkost og Kasserolle

Kirk, Ellen: Oprør. En nutidsroman. København 1932

Thing, Morten: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. København 1997

Salmonsens Konversationsleksikon

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

[1] Salmonsens Lexikon

[2] Vgl. Morten Thing, S. 155