Schattenspiel/Skyggespil (1953)

 

Viele, viele Stimmen höre ich in den Jahren der Kindheit, prahlende und klagende, stolze und demütige. Und ich lerne allmählich, dass die wirkliche Armut stumm ist, sie trägt ihr Schicksal apathisch. So lange Menschen sich schlagen oder protestieren können, sind sie nicht arm; sie haben noch immer ein Gefühl von Menschenwert behalten.

 

Parallel zu seinen beiden „politischen Satiren“, den Klitgaard-Romanen, die eine verheerende Kritik erfuhren, arbeitete Kirk an einem kleinen Erzählband, der 1953 veröffentlicht wurde und sofort alle Kritiker versöhnt zu haben schien. „Schattenspiel“ gilt bis heute als eines der gelungensten und bedeutendsten Werke Kirks. In diesem Erinnerungsbuch besinnt er sich auf seine alten Stärken und auf seine Wurzeln, das bäuerliche und kleinstädtische Milieu. Hier nimmt er in die Erzählung auch jenen schwer wiegenden Satz auf, der zuvor einen theoretischen Artikel zierte: „Und in dem alten Bauernleben fand sich ein altes Kulturerbe, das nicht vergessen werden darf, eine charakterliche  Redlichkeit, eine ehrliche Klugheit und Unabhängigkeit.“ (52) Diesem verlorenen Schatz setzt Kirk in 15 Erzählungen, Skizzen gleichsam, ein künstlerisches Denkmal von großer Poesie und Weisheit.

Wie schon in den Kollektivromanen kreist sein Denken dabei um die soziale und die religiöse Frage. Das freilich macht erst eine genauere Lektüre sichtbar, denn an der Oberfläche beschreibt Kirk mit den verzaubernden Augen eines Kindes eine versunkene, von Phantasien belebte Welt; aber auch mit den Augen eines Baumes, mit den Augen des Gewesenen schlechthin: „Kein anderer Baum säuselt so traurig und melodisch wie die Pappel. Es ist wie ein Choral, ein innerlicher Gesang von Dingen, die vergangen sind.“ (8). Alles an diesem Buch scheint autobiographisch zu sein und folglich ist es ein Schlüsselwerk für den an der Person Interessierten. Aus dem, was der kleine Hans Rudolf erlebte, wurde sowohl der weise Autor als auch der politische Agitator. Im Grunde genommen macht Kirk uns mit dem immer aufs Neue umstürzenden Gedanken vertraut, dass die wesentlichen Ideen eines Menschen, die ganz tief verwurzelten, in der Kindheit und vor allem aufgesetzten Lernen entstehen. Die ländliche Idylle, die Weite und Ruhe des Landes, seine jahreszeitlichen Rhythmen auf der einen Seite, aber auch  die „Krankheit, die Hunger heißt“, Armut und gesellschaftliche Differenzen nimmt Kirk in der Retrospektive wahr. Es gibt wenige Werke in der dänischen Nationalliteratur, die an das Wesen des Landes und seines Volkes so nahe heran kommen. Das dürfte nicht der geringste Grund sein, weshalb das „Schattenspiel“ sich noch heute großer Beliebtheit im Lande erfreut.

 

Schattenspiel

 

 

Alles beginnt in einer mystischen Nacht, einer jener wenigen Momente im Leben, in denen sich das Dasein erschließt – der kleine Hans ist mit seiner Großmutter unterwegs, „ich schmiege mich an die Großmutter und sie umfängt mich mit ihrem treuen Arm, ich kenne ihren Geruch so gut, er ist gut und sicher“. „Ach, viele Dinge geschehen in dieser Nacht, und alles hat Bedeutung. Menschen werden geboren und sterben, lieben und töten, während ein Postwagen mit einer alten Frau und einem Kind an einem Gasthof in Hanherred hält.“ (9)

Kirks Kindheit fand in einem magischen Dreieck statt: an der kargen Westküste bei den Großeltern väterlicherseits, im üppigen Thy, wo das alte Bauerngeschlecht der Mutter thronte, und in der eigentlichen Heimat Hadsund am Mariagerfjord. Diese drei jütländischen Gegenden mit ganz verschiedenen Menschenschlägen haben Kirk geprägt. Dort lernte er verschiedene soziale und religiöse Verhältnisse kennen.

Die Urgroßmutter repräsentiert die letzte Generation einer jahrhundertealten Großbauerndynastie, sie führt mit harter Hand und weichem Herz ein auf Bodengewinn besonnenes Matriarchat. Selbst die Tochter, Kirks alte Großmutter, spricht sie mit dem royalen „Ihr“ an und in der Tat hat sie einen viktorianischen Zug. Hans Rudolf ist ihr „ældste barnebarnsbarn“, der älteste Urenkel – die Audienzen bei ihr wird er nie vergessen. „Etwas ungeheuer Altes und etwas sehr Großes und Standhaftes wohnt in dieser alten Frau, die so streng und mild ist, so gefürchtet und geliebt. Und ich verstehe das auf die ein oder andere Weise, während ich ehrerbietig vor ihr stehe und als eine schmächtige Möglichkeit gebilligt und mit einem freundlichen Lächeln und einem Nicken hinaus geschickt werde.“ (27) Dort oben ist man Bauer oder nichts, Eigentümer oder Habenichts; man liebt das Leben und glaubt an Gespenster und Wiedergänger. Hier regiert, davon war Kirk überzeugt, aufgrund der milden Lebensverhältnisse, der üppige, lebensfrohe Grundvigianismus.

Ganz anders sieht es wenige Meilen weiter westlich, an der kärglichen Nordseeküste, an der „Küste der Bedürfnislosigkeit“ aus. Von dort stammt Kirks Vater. Diese Gegend ist straff in innermissionarischer Hand: „Mein Vater und meine Mutter gehören zwei Clans mit verschiedenen Göttern an, das lernt ein Kind schnell verstehen. Oben in dem fetten Thy regiert der liebe Gott, der ein ältlicher allväterlicher Bauerngott ist, und in Harboør herrscht Jesus, der streng ist und Gebet verlangt und Reue und Unterwerfung. In Thy kommt man nach einem seligen Tod in den Himmel, wenn man sich unter den Menschen nur einigermaßen ordentlich benommen hat. Im armen Harboør ist es schrecklich schwer, die Hölle und den Teufel zu vermeiden und man muss sich im Blut des Lammes waschen.“ (67) In den niedrigen, dunklen und schmucklosen Stuben mit den gestickten Bibelsprüchen an der Wand wird nicht gelacht, dort regieren Ernsthaftigkeit und Gebet, aber auch permanente Selbstbefragung und Kontrolle des anderen. Auch hier findet Kirk bei seinen Großeltern eine ehrliche, einfache Liebe. Doch dem aufmerksamen Knaben entgeht auch das stille Aufbegehren der jungen Generation nicht, der Tante etwa, die stolz und gegen alle Widerstände ein uneheliches Kind zur Welt bringt.

Letztlich gehörte auch Kirks Vater dieser Generation an, denn auch er löste sich von der pietistischen und streng puritanischen Inneren Mission und wurde Arzt in Hadsund: Bondelæge, Bauernarzt – Armenarzt. Wenn er den Vater im neuen, viel bestaunten Auto auf seine Visiten im Lande begleiten darf, dann wird er mit Krankheit und Tod konfrontiert – das kann einen aufgeweckten Knaben schon zum Philosophen machen –, mit Armut, Hunger, Trunksucht und dann erfährt er vom bewunderten Vater, der viele Male kostenfrei behandelte oder Bedürftige am eigenen Tisch speiste, auch die Zusammenhänge, etwa als ein in einer Wirtshausschlägerei Erschlagener auf dem Tisch liegt: „Aber wenn diese Art Unglücksfälle vermieden werden soll, dann muss der Branntwein weg, sagt er, und seine Stimme klingt, als spräche er mit einem Erwachsenen. Und soll der Branntwein weg, so muss man erst die Armut beseitigen. Branntwein und Armut gehören zusammen. So ist das, mein Junge.“ (151)

Indem er dem Leser diese Konflikte in einfacher, ganz ruhiger und sachlicher Sprache nahe bringt, will Kirk auch seine Lebensentscheidung einsichtig machen. Ob nun mit der grausamen oder der Sonnenseite konfrontiert, man muss sich entscheiden – so steht es monolithisch in der Mitte des Buches festgehalten: „Und trotzdem dämmert es unklar in mir, dass man zwischen Herrensitz und Hütte wählen muss.“ (77) Und Kirk trifft diese Wahl bereits, davon handelt die letzte Erzählung, als Jugendlicher an der Akademie in Sorø. Mit 12 Jahren sandten ihn die Eltern in diese Vorzeigeschule und neun lange Jahre, die der junge Hans lange Zeit als Tortur empfand, sollte er dort bleiben. Die meisten seiner Mitschüler entstammten dem Kopenhagener Großbürgermilieu, andere Großbauernfamilien und nur wenige seiner jütländischen Heimat „mit deren Staub und Matsch, deren Hässlichkeit und Armut und Suff und Schlägerei. Die ist nicht halb so schön, aber sie war voller richtiger Menschen“. (155) Am Ende kann er dem Rektor, bei dem er vorsprechen muss, ins Gesicht sagen: „Ich halte es mit den Arbeitern“. (162)

Skyggespil wurde als Kirks „reinste und wärmste Prosa“[1] empfangen. Das Buch ist von seltener poetischer und sprachlicher Schönheit, getragen von einem leisen und bejahenden Ton der Melancholie und tiefempfundener Menschlichkeit, aber auch jugendlicher Lebensfreude. Es ist auch ein Hohelied auf eine einmalige Natur. Nicht zu Unrecht wird es zusammen mit Henrik Pontoppidans und Andersen-Nexøs ikonischen Erinnerungsbüchern[2] genannt. Es ist Dokument, Kunstwerk und Aussage zugleich.

Der Kirk-Kenner wird es freilich auf noch anderer Ebene genießen können, offenbart es doch die hohe biografische Verbundenheit der Romane Kirks. Personen, Namen, Ereignisse, Landschaften, Redeweisen, die man aus den Kollektivromanen kennt, werden an ihre historischen Quellen verfolgt. Ob Marianne aus den „Fischern“, ob Cilius, Tora, Missionar Karlsen, die alte Dorre und Nikolaj u.v.a. aus den Tagelöhner-Romanen oder gar Grejs Klitgaards „Teufelsgeld“, selbst der unwahrscheinliche Blitzschlag in Kresten Bossens Haus … das alles hat sich demnach tatsächlich zugetragen. Nirgendwo sonst kommt man Hans Kirk – dem Menschen und dem Künstler – näher als in diesen bezaubernden Erinnerungsstücken.

 

Literatur:

Kirk, Hans: Skyggespil. Gyldendals Tranebøger. København 1978 (1953)

Brorstrøm, Torben/Kistruo, Jens: Dansk litteratur historie. Bind 4. Fra Tom Kristensen til Klaus Rifbjerg. Politikens Forlag 1966

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel



[1] Dansk litteratur historie, S. 134

[2] ”Fra hytterne” und ”Erindringer”