Borgmesteren gaar af/Der Bürgermeister tritt zurück (1941)

 

Es gibt einige gute Gründe, sich den kleinen Roman genauer anzuschauen. Einige Kirk-Rezipienten haben ihn vollkommen übersehen (Thierry, Jensen), andere in ihm die große Allegorie der modernen Gesellschaft wahrnehmen wollen (Klysner, Andersen). Es ist der wohl am wenigsten bekannte und meist missverstandene Roman Kirks.

Erschienen ist das Buch 1941, während Kirk in der Haft saß, werkhistorisch gehört es jedoch in die frühen 30er Jahre, liegt also zwischen „Die Fischer“ und „Die Tagelöhner“. Kirk hatte das Manuskript seinerzeit wohl verworfen, löste allerdings einzelne Szenen heraus, um sie als Novellen im Feuilleton zu verwenden. Bei Gyldendal wartete man derweil auf den dritten Teil der Tagelöhner-Trilogie und da Kirk nicht liefern konnte, aber bereits in finanziellen Verbindlichkeiten stand – so zumindest vermutet Morten Thing in seiner großen Biografie – hat er sich dieses Buches entsonnen, es überarbeitet und an Stelle des versprochenen Romans gesandt, um zumindest den Vertrag zu erfüllen. Es war, wie Kirk in einem Brief es nannte, „ein Buch über die Büromentalität“[1] und das allein konnte schon überraschen. Kirk hatte selbst ein paar Monate als Jurist in der dänischen Botschaft in Paris sowie als „Sekretär in der 4. Abteilung des Magistrats“[2] im Kopenhagener Rathaus gearbeitet und kam schwer desillusioniert aus diesen Experimenten zurück: seither war ihm die Juristen- und Büroarbeit vergällt. Eventuelle Erfahrungen aus dem Redaktionsleben mögen ihren Teil zugetragen haben.

Der Bürgermeister

Gegeben wird ein Ausschnitt aus dem Leben eines Bürgermeisterkontors, in dem nicht viel passiert. Die üblichen bürokratischen Abläufe, Papiere, Telefonate, die gewöhnlichen Witze, Stänkereien und Ambitionen, das bekannte Klagen. Die meisten sind Menschen, die sich in alles finden, ihre Auswege im Privaten oder in kleinen, gemeinen Bösartigkeiten suchen. Etwas innere Bewegung kommt durch eine verloren gegangene Deklaration und durch den baldigen Abschied des Bürgermeisters. Dem alt gedienten Kontorchef Jakobæus kommt die Nord-West-Deklaration abhanden. Sich seiner selbst unsicher hört er auf Insinuationen und schiebt das Vergessen Obersekretär Hartsen in die Schuhe, der sich freilich mit Händen und Füßen gegen die Unterstellung wehrt. Eingefädelt wurde die kleine Intrige von Holgersen, seines Zeichens Hauptverwaltungsrat, der sich davon die Abdankung – bei voller Pension! Was will der überhaupt noch hier? – des Bürochefs erhofft, um selber dessen Stelle einzunehmen. Noch weitere 5 Jahre Verschleiß an subalterner Position hält er für unzumutbar. Die Sache wird dem Bürgermeister hinterbracht, Skandal, es kommt zu Szenen, der alte Jakobæus erleidet einen Zusammenbruch, verschwindet ein paar Tage von der Bildfläche, man muss das Schlimmste fürchten. Schließlich taucht er wieder auf, man schließt wieder Frieden und als der ansonsten unnahbare Bürgermeister nach seiner Verabschiedung die gesamte Belegschaft bei sich zu Hause zum Dinner empfängt und sich als netter alter Mann erweist, scheinen alle Gräben überwunden, vor der Autorität werden alle Differenzen nivelliert. Viel mehr an äußerer Handlung gibt es nicht.

Aber innen, zwischen den Personen und in ihnen, da toben schwere Kämpfe, da arbeiten sich ein Dutzend heimliche Krieger an banalen Themen ab. Kirk fängt dieses ganze Gewirr an Feindschaften, Allianzen, Hoffnungen, Gerede, Machtkämpfen, Neid, Gier, Intrigen, Höflichkeiten, Etiketten, Verstellungen, an Papieren, Gerüchten, Geschwätz, Langeweile, Staub, Mundgeruch, Frust und unterdrückter Sexualität mit hoher Fingerfertigkeit ein. Er erweist sich hier als Meister der Modulation, der Nuancen, als feinsinniger Personenzeichner, der mit ganz wenigen Strichen, Andeutungen gleichsam, von Mimik, Gestik, Stimmlage, Blicken etc. die kommunikativen und psychischen Abgründe, die stillen Machtspielchen des modernen Arbeitslebens festhält. Dieses Buch ist in erster Linie Genuss, stiller Genuss! Sich in die Befindlichkeiten einzufühlen, dabei den ganz unauffälligen ironischen Ton genießend, die vielen kleinen Nuancen würdigend, ist Lesefreude pur und wer vielleicht ähnliche Erfahrungen hat – auch wenn das Büroambiente sich bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, die internen Spannungen dürften noch die gleichen sein –, dem wird das wie ein lebendiges Spiegelbild vorkommen. „Borgmesteren gaar af“ ist eine filigran gearbeitete, clever durchdachte Miniatur, die den Handwerker und den aufmerksamen Beobachter und Menschenkenner Kirk auszeichnet. In ihr sind die archetypischen Büroexistenzen wiedergegeben, Sitzmenschen, Stubenmenschen, vom Clown über den Kavalier, den Bürokraten, den Intriganten, den Schleimer, den Karrieristen, das Häschen, die Zicke, das Opfer … bis hin zum selbstherrlichen Chef, Menschen, die vom unmittelbaren Schaffensprozess, vom Leben da draußen, ausgeschlossen sind, lebenslang eingemauerte Ordnungsmenschen mit beschränktem Horizont und meist erfahrungszerrütteter Sozialkompetenz, von ihrer Umwelt ebenso ge- und verformt wie der sonnenverbrannte Fischer oder der bedächtige Bauer mit schwieligen Händen und langsamem, besitzorientiertem Kopf.

Man kann es freilich auch an die große Glocke hängen und die allumfassende Allegorie darin sehen und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass es so intendiert war. Dann wäre das über zwei Etagen verteilte Büro ein Abbild der bürgerlichen Gesellschaft oder gar der deutschen Besatzermacht, dann wäre die Machtanalyse keine psychologische, sondern eine politische. Oben sitzt, dem Diktator gleich, der Bürgermeister. Ihm dienen fünf juristische Subalterne mit unterschiedlichen Charakteren, Begabungen und Ambitionen. Stützen können Sie sich auf eine weiblich dominierte Kleinbürgerschicht aus Schreibern, Tippsen und Verwaltungsbeamten und ganz unten steht in Form des Büro-Laufburschen das Proletariat. Dann wird auch bedeutsam, dass Merrild ein „Bauernjunge“ war oder dass es hier und da sozialdemokratische und ganz und gar nicht kleinbürgerliche Tendenzen gibt, dann muss auch in Rechnung gestellt werden, dass der neue Bürgermeister ein Linker sein wird, ein Gewerkschaftsmann und früherer Schuhmachergeselle. Dann wäre das Kirksche Referenzwerk „Der Sklave“, jenes hochallegorische Buch vom Untergang der „San Salvadore“, auf der sich von oben nach unten alle Repräsentanten der Konquistadorenzeit befanden.

Dann würden auch die seltsamen Übereinstimmungen mit H. C. Branners, in Dänemark fast klassischen, Roman „Legetøj“ (Spielzeug – auf Deutsch erschienen unter: „Ein Dutzend Menschen“) von 1936 signifikant. Branners Hauptwerk gilt bis heute als Hauptvertreter des Kollektivromans in der Nachfolge Kirks. Diese Beeinflussung bezieht sich aber auf „Die Fischer“. Die beiden Büroromane können sich auf Grund der Entstehungsgeschichte des „Bürgermeisters“ nicht beeinflusst haben: Als Branners Buch erschien, war Kirks Roman schon ein fertiges Manuskript. Andererseits sind es in beiden Fällen dieses „Dutzend Menschen“ – bei Kirk lange Zeit kaum im Grau in Grau voneinander zu unterscheiden –, an einem hierarchisch strukturierten, mehretagigen Arbeitsplatz, die sich an der geschwächten Position des Vorgesetzten mit verschiedenen Strategien abrackern.

Dass Kirk das Konzept des Kollektivromans an einem anderen Sujet erproben wollte, scheint offensichtlich. Wenn einem an Definitionen liegt, dann kann man auch derjenigen Finn Klysners folgen, der, im Gegensatz zu den „Fischern“ und den „Tagelöhner“-Romanen, von einem „antikollektiven Kollektivroman“ sprach, was besagen will, dass das Kollektiv, die beschriebene Gruppe, keine gemeinsame Entwicklung nimmt, sondern durch interne Konkurrenz divergierende Impulse zur Gruppenbildung führen. Die handelnden Personen verhalten sich atomar und bilden nur kurzzeitige Allianzen, sie arbeiten nicht an einem Projekt oder zumindest nicht willentlich. Die Gruppe ist keine funktionstüchtige Gemeinschaft. Sie existiert im Grunde genommen unverändert fort, auch nachdem der Bürgermeister abgetreten ist und alle internen Spannungen durchlebt wurden.

Kirk kultiviert auch seine Technik der „gedeckten direkten Rede“, wie Thing sie nannte. Ein Beispiel:

-          Was Neues da drin? (direkte Rede ohne Satzzeichen) fragte (ohne Komma) er und nickte in Richtung Sekretariatstür. Er mochte es, zu wissen, was da vorging, und in dieser Richtung war Holgersen ein sicherer Mann. (Ist das innerer Monolog oder auktoriale Beschreibung …?). Holgersen bekam einen heißen Kopf (deutlich auktorial). Jetzt galt es gottverdammich richtig zu manövrieren. (Innerer Monolog oder auktoriale Beschreibung?)

Wer spricht? Das ist in der Regel die Mehrdeutigkeit der „gedeckten direkten Rede“. Ist es der Autor, ist es der Erzähler, ist es das richtende Schicksal, das Sein, ist es die Figur? Der Effekt ist mehrdeutig, die Übergänge fließend. Prinzipiell verleiht diese Redefigur einer Situation Substanz, sie lädt sie mit Signifikanz auf. Das führt sowohl zu einer Annäherung der Figur an den Leser, der ins Innere zu schauen meint, zugleich aber auch zu einer epischen Distanz, da es an Eindeutigkeit und Zuordnung fehlt und der Erzähler über den Figuren stehen könnte.

Auch wenn Kirk sich auf feindlichem Terrain befand, beweist dieser kleine große Roman sowohl die künstlerischen Möglichkeiten der Technik als auch die Fähigkeiten des Autors.

 

Literatur:

Andersen/Emerek: Hans Kirks forfatterskab. Vinten. København 1972

Klysner, Finn: Den danske Kollektivroman 1928 – 1944. Vinten. København 1976

Thierry, Werner: Hans Kirk. Gyldendal. København 1977

Thing, Morten: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. Gyldendal. København 1997

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel



[1] Thing 231

[2] Thing 60