Der Sklave/Slaven (1948)

 

Ich bin ein Mann von einfacher volkstümlicher Herkunft, ich schreibe nur aus Leibeskräften, ich habe keinen politischen Verstand. Aber ich habe auf jeden Fall ein lesbares Buch geschrieben – „Der Sklave“ –, den Rest könnt ihr vom Tisch fegen. Ein einziges Buch…“[1]

 

Selbst philologisch geübte Leser hätten wohl Schwierigkeiten gehabt, „Die Tagelöhner“ und „Die Neuen Zeiten“ sowie den 1948 erschienenen Roman „Der Sklave“ dem selben Autor zuzuschreiben, stünde nicht der gleiche Name auf allen Büchern. Nur bei sehr genauer Analyse lassen sich verräterische Details erkennen, allen voran wohl die kollektive Ausgangssituation. Ein gutes Dutzend Menschen interagieren und die Erzählperspektive wechselt permanent, größere Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Ganz klar, dieses Buch stellt einen deutlichen Bruch in Kirks Schaffen dar.

 

Zwei Romane schrieb Kirk in der Gefangenschaft 1941 – 1943, den „Sklaven“ und den dritten Teil der Tagelöhner-Trilogie. Beide Manuskripte gingen bei der Flucht verloren. Wenn Kirk sich dafür entscheidet, den „Sklaven“ wieder aufzunehmen, dann muss das seine Gründe haben. Aus heutiger Sicht ist das bedauerlich, denn nichts in seinem Oeuvre reichte an die großen Kollektivromane der 30er Jahre heran, aber persönlich wohl nachzufühlen, dass Kirk durch die Erfahrung der Besatzung, der Gefangenschaft, der Illegalität den Bezug zur alten Welt verloren hatte und sich aktuelleren Themen widmete. In einem Interview aus dem Jahre 1953 beleuchtete er die privathistorischen Hintergründe: „Der Sklave wurde in den letzten Monaten des Jahres 1941 und im Frühjahr 1942 in Vestre Fængsel geschrieben. Auf jeden Fall war es für uns, die wir eingesperrt saßen, eine desperate Situation, wo wir uns selbst die Frage stellen mussten, ob es notwendig war, dem Nazismus gegenüber zu kapitulieren, wozu die Sozialdemokratie zu diesem Zeitpunkt bereit war. Das Buch war als eine Art Antwort auf diese Frage gedacht.“[2] Nur, warum dann erneut schreiben, nachdem der Nazismus besiegt war? Es musste also tiefere Schichten im Roman um den Untergang der sich im Jahre 1679 auf dem Heimweg von Mexiko nach Spanien befindenden „San Salvatore“ geben.

Slaven 

Dabei ist das Buch denkbar handlungsarm. Auf dem mit vielen Reichtümern beladenen Schiff verkauft ein Soldat seine Indianersklavin um Spielschulden auszugleichen. Da deren Säugling ein Hemmnis ist, wird er kurzerhand über Bord geworfen. Der Sklave Pancuiaco tötet daraufhin den Übeltäter. Zugleich verweigert er sich den unzweideutigen Annäherungen seiner sexuell frustrierten und launischen „Besitzerin“, woraufhin diese ihn auspeitschen lässt. Pancuiaco nimmt Rache, verbarrikadiert sich im Schiffsinneren und schlägt mit einer Axt ein Loch in den Rumpf des Schiffes, welches sinkt. Und all das spielt sich auf den letzten 70 Seiten ab, zuvor handelt es sich um reine Konversation – darum geht es also.

 

Tatsächlich gleicht der Roman über weite Strecken einer philosophischen Debatte oder gar einem scholastischen Disput mit langen und wohlgeformten typisierten Dialogen zwischen verschiedenen Vertretern der spanischen Gesellschaft während der Zeit der Conquista. Sie sind alle vertreten, der Vizekönig, der Inquisitor, der Dominikaner und der Jesuit, der adlige Gutsbesitzer, die reiche Minenbesitzerin, ein englischer Kaufmann, Offiziere, im Dienst oder verarmt, der Soldat, der Landstreicher, Steuermann, Matrosen, schwarze und indianische Sklaven. Bis auf wenige Ausnahmen haben sie keine individuelle Stimme, sondern agieren als Sprachrohr ihrer sozialen Zugehörigkeit. Nur die reiche Doña Inez sowie ihr Sklave erlangen unter den Hauptpersonen so etwas wie Kontur. Kirk legte es diesmal nicht auf menschliche Identifikation an, sondern auf theoretische. Das Schiff ist dabei in klarer Symbolik in Oberdeck, Mitteldeck und Unterdeck geteilt, Kirk macht überhaupt kein Hehl daraus: „Dieses Schiff ist wie ein Bild unserer ganzen Welt.“ (110) Und auf dieser Arche werden die großen Themen diskutiert: Macht, der Zynismus der Macht, Religion, Aberglaube, Liebe, Reichtum, vor allem aber und immer wieder aufs Neue das Problem der Macht und zwar von allen Protagonisten und aus deren höchsteigener gesellschaftlicher Perspektive. Gleichzeitig zeigt Kirk, wie ökonomische, politische und religiöse Macht ineinander wirken, etwa wie der status quo von den Kirchen – ein Kirksches Urthema – konserviert wird. Dazu taugen sowohl brutale Gewalt (Inquisition) als auch subtilere Abhängigkeiten. Der ketzerische intellektuelle Taugenichts Don Pablo fasst das in seiner Rede an die Matrosen und Soldaten im Unterdeck paradigmatisch zusammen: „In fünf Minuten könntet ihr die Kajüten da oben von allen feinen Passagieren säubern und sie alle zusammen über Bord werfen. Aber ihr macht es nicht, denn ihr wisst, dass sie euch besitzen. Sie haben es eingehämmert in eure dummen Köpfe: Sie besitzen uns, und sie können mit uns machen, was sie wollen. Und wenn der eine oder andere auf die Idee kommt zu fragen, wie es sich denn im Grunde genommen mit dem Eigentumsrecht verhält, so haben sie gelernt zu antworten: Das ist der Wille Gottes, und die Menschen sollen nicht gegen Gott aufbegehren. Aber hat Gott dir das selber gesagt, was er will? Nein, das war der Pfaffe. Er dient zuallererst den Reichen und Mächtigen, und er bekommt sein Essen ohne Mühe damit, die Botschaft des Reichtums zu verkünden, die nicht von Gott kommt.“ (60)

 

Derart direkt sind Kirks Beiträge das gesamte Buch hindurch und das hat verständlicherweise einem Teil der literarischen Kritik nicht zugesagt. Dort war man sich schnell einig, neben der philosophischen und der historischen Einordnung, den Roman als allegorischen zu klassifizieren, und das ist auch nicht falsch. Doch führte es dazu, dass die Kritik einen wesentlichen Bezug übersah: „Slaven“ von 1948 ist ein Gegenstück zu „Vredens Søn“ (1950), die beiden Romane komplettieren sich und spielen das Jesus-Thema unterschiedlich durch. Pancuiaco, der moralisch vollkommen unbescholtene messiasreine Sklave, wird von einem Judas verraten, der seine dreißig Silberlinge dafür bekommt und der Inquisitor versucht die Seele des Sklaven mit nahezu poetischen Worten zu retten: „Ich werde einen Purpurmantel des Leides um deine Schultern legen und den Dornenkranz des Schmerzes um deine Schläfen legen.“ (119) Statt des Evangeliums der Liebe wird unter Deck das des aufrührerischen Hasses gepredigt: „Ihr hasst diejenigen, die die Peitsche über euch schwingen, aber nicht die der Geißel Schlag befehlen … wenn ihr nur hassen könntet.“ (62) Derartige Verweise sind deutlich genug. Aber entscheidend ist, dass der Gemarterte am Pfahl singt, während ihm die Peitsche die Haut vom Rücken reißt, und dass dieser stolze Mann nicht zu besiegen ist und den Kampf annimmt, den Kirks Jesus in „Vredens Søn“ scheut. Es gibt auf diesem Schiff überhaupt nur einen freien Menschen – und das ist der Sklave. Interessanterweise ist das nicht die so oft zitierte kommunistische Freiheit, sondern eine viel ältere: es ist die Freiheit der Stoa, es ist die innere Freiheit, die Freiheit Epiktets, des freien Sklaven und die des Kynikers Diogenes, Epiktets Vorbild: "Diogenes war frei. Woher? Nicht, weil er von freien Eltern herstammte, sondern weil er es selbst war; weil er alle Handhaben der Sklaverei weggeworfen hatte… Alles war lose an ihm, alles nur angehängt.“ (233). Der Blick auf das Parteibuch hat zu voreiligen Urteilen geführt, fast überall.

 Slaven Volksausgabe

Dafür spricht auch der letztendliche Untergang des Schiffs, bei dem alle Insassen, Pancuiaco inbegriffen, zugrunde gehen – nur fünf Überlebende gibt es: Don Pablo, der Aufrührer, ist dabei und auch der protestantische Kaufmann Rayburn. Kirk, ein früher Leser Max Webers, wusste die progressiven geschichtstragenden Kräfte und Gegner der Zukunft wohl einzuschätzen. Die feudale Gesellschaft hingegen geht als Ganzes unter.

 

Aufgrund seiner Vorzeigedialoge, die selbst im Untergangschaos noch weitergeführt werden, wirkt das Buch mitunter ganz untypisch hölzern. Das ändert aber nichts daran, dass es sowohl ein sehr tief durchdachtes Werk ist, dessen Argumente wie Hammerschläge oder Peitschenhiebe aufeinander folgen, als auch – in wesentlichen Passagen – ein durchaus spannendes Buch. Manche Szenen, Personenauf- und -abgänge erinnern an klassisches Theater inklusive der Katharsis, die freilich zuerst bei den Figuren auftritt. Da erweist sich Kirk auch als hervorragender Psychologe und formt Sätze, die in modernen Manualen der Psychologie stehen könnten: Doña Inez kommt, das Wasser fast schon bis zum Hals, zum Beispiel zu der letzten Einsicht: „Nie zuvor habe ich einen Mann getroffen. Das ist seltsam. Er kam aus einer Welt, die wir für primitiv halten, und er war mein Sklave. Ich hatte das Recht, ihn zu töten, ich hätte mit ihm machen können, was ich wollte. Aber ich, die ich die Macht und nur sie geliebt habe, konnte keine Macht über ihn bekommen. Jetzt, wo alles vorbei ist, weiß ich, wie schrecklich die Macht ist. Sie hat in mir das getötet, was in mir ein Recht auf Leben gehabt hätte, sie tötete ihn und sie tötete uns alle. Sie zerstört alles, was ursprünglich und echt in uns ist, alles, was uns Freude schenken sollte.“ (158) Solche Sätze, solche Szenen, solch ein Buch könnte heute, nahezu unfrisiert, einen großen Film tragen.

 

PS: Nicht zufällig war „Der Sklave“ das erste in der DDR und damit im gesamten deutschen Sprachraum übersetzte Buch Kirks, 1950 im Dietz-Verlag erschienen.

 

Literatur:

 

Hans Kirk: Slaven. Gyldendals Tranebøger. København 1972

 

Morten Thing: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. Gyldendal København 1997

 

Epiktet: Unterredungen und Handbüchlein der Moral.

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

 

 

 


 

[1] In: Morten Thing, S. 320

 

[2] In: Morten Thing, S. 288