Die Klitgaard-Romane:

„Djævelens Penge“ (1951/52) und „Klitgaard og Sønner“ (1952)

 

Wir sind alle im gleichen Boot, und der König hat uns angewiesen Ruhe und Ordnung zu wahren. Ruhe und Ordnung lautet die dänische Losung der Zeit. Das Verhältnis zwischen den verantwortlichen dänischen Behörden und der Besatzungsmacht ist das bestmögliche; wir sind wirklich ein Musterprotektorat. Noch nie hat irgendein Land sich so bereitwillig plündern lassen, und niemals ist eine Oberschicht derart danach gelüstet, an den Plünderungen teilzunehmen. (Djævelens Penge)

 

Die letzten beiden Romane Kirks – „Teufelsgeld“ und „Klitgaard und Söhne“ – wurden von der Kritik einhellig aufgenommen: ablehnend! Man versteht warum – Kirk hatte damit den literarischen Weg verlassen und sich endgültig in den politischen Dienst gestellt. Ob der Doppelroman, der aufgrund seines untrennbaren Handlungszusammenhangs auch als eigenes Werk behandelt werden kann, überhaupt noch in den künstlerischen Bereich gehört, bleibt fraglich.

In ihm wird die 50-jährige Geschichte eines bedeutenden Bauunternehmens erzählt. Aufgebaut wurde alles um die Jahrhundertwende vom jungen Kleinbauern Grejs Klitgaard. Er übernimmt, zusammen mit seinen beiden der Inneren Mission angehörigen Schwagern, einen Auftrag, Strandbuhnen zu setzen. Der Termin droht dem schlechten Wetter zum Opfer zu fallen, es sei denn, man arbeite auch am Sonntag, dem vom Herrn vorgegebenen Ruhetag. Die beiden Schwager springen ab, das sei „Teufelsgeld“, sich gegen das Gebot zu wenden. Doch Grejs nimmt an und schafft den Termin und beginnt damit eine Erfolgsgeschichte, die ihn bald zu einem der größten Bauunternehmer des Landes macht. Garant des Erfolgs sind – wie schon bei Høpner - Ehrlichkeit, Arbeitsethos, starker Wille, „er war ein verfluchter Kapitalist, aber ein Mann von alter Ehrlichkeit“. Nur das Teufelsgeld schwebt wie ein böses Omen über dem Unternehmen.

Bis hierher, die ersten 20 Seiten, die ersten 40 Jahre, scheint das klassischer Kirk zu sein. Aber Kirk wollte nicht noch einmal eine Unternehmensgeschichte schreiben, er wollte ganz konkret Stellung zur jüngsten Geschichte nehmen, d.i. die Zeit der Besatzung durch die deutschen Truppen und die ersten Nachkriegsjahre. Dänemark musste eine bittere Erfahrung machen: Könighaus, Politik, Wirtschaft und auch der Großteil der Bevölkerung arrangierte sich mit der Situation, ja viele zogen sogar Vorteile daraus. Nach schweren Krisenjahren nahm die Arbeitslosigkeit ab, die Landwirtschaft belieferte in großem Umfang den großen Nachbarn, die Industrie stellte sich in den Dienst des Krieges, Deutschland wurde überhaupt der einzige Handelspartner von Belang für das Königreich. Im Kontrast dazu wird bis heute die Widerstandsbewegung immer wieder ins öffentliche Bewusstsein gerufen, während die Zahlen eine andere Sprache sprechen: Knapp 900 Dänen verloren im Widerstand, 600 in deutschen Konzentrationslagern ihr Leben, aber 6000 dienten freiwillig in der SS und 40 000 wurden nach Kriegsende als Kollaborateure verhaftet. Von der Kommunistischen Partei abgesehen gab es keinen nennenswerten organisierten Widerstand und aus ihren Reihen rekrutierten sich die meisten Opfer. Ein kommunistischer Autor wie Kirk, der selbst zwei Jahre im Gefängnis saß und zwei weitere Jahre im Untergrund agierte, war also durchaus moralisch berechtigt, den Zeigefinger zu heben. Trotzdem bleibt die Frage, wie einer den Zeigefinger hebt.

Der alte Grejs tritt nach Einmarsch der Deutschen sein Unternehmen an seine Söhne ab. Diese zweite Generation war ohne die schwere Erfahrung des Aufbaus aufgewachsen und des Alten Morallehre kommt ihnen weltfremd vor, nur die Lehre der Geldvermehrung ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Da ist Thomas, der die Firma übernimmt, Johannes, der zu einem skrupellosen Wohnungsmakler wird, Emanuel, ein wenig talentierter und lebensuntüchtiger Künstler und die Schwester Sara, die einzige, die über die Empfindsamkeit das Treiben der anderen durchschaut. Denn als die deutschen Besatzer an die Firma mit großen Aufträgen herantreten, entsteht ein moralischer Konflikt: Ungeahnte Gewinnmöglichkeiten, Teufelsgeld, auf der einen Seite, aber eben auch Kollaboration mit dem Besatzer auf der anderen. Kirk stellt die These – manche würden sagen: Illusion – auf, dass man in diesen Situationen sich entscheiden kann, dass man tatsächlich die Freiheit habe – auch wenn die fürchterlichsten Konsequenzen folgen können – sich gegen den scheinbaren Zwang, erst recht gegen die Konformität oder den persönlichen Vorteil entscheiden kann – und folglich muss! Die Freiheitsthese ist die Grundthese des gesamten Werkes. Tatsächlich wird z.B. Gregers, der verlorene Sohn des værnemagers (Kollaborateur) – ein fürchterliches Schimpfwort im Dänischen – für seine Ideale ins Konzentrationslager gehen, tatsächlich wenden sich verschiedene Mitläufer und Günstlinge im Laufe des Geschehens von Thomas Klitgaard ab um einer nun ungewissen Zukunft entgegen zu gehen, tatsächlich verlässt Johannes‘ Frau ihren Mann und reist ihrer Liebe, einem ebenfalls umgewandelten Nazi, nach dem Ende des Krieges in die DDR nach … Man kann also „das Richtige“ wählen; was die Bücher, von den künstlerischen Unzulänglichkeiten abgesehen, mitunter so schwer genießbar macht – für den heutigen Leser wohl noch mehr als den Leser in Zeiten des Kalten Krieges –, ist der besserwisserische und belehrende Ton, denn Kirk meint zu wissen, was „das Richtige“ sei. Und er propagiert und agitiert ganz unverhohlen die kommunistische Idee, die blühende Zukunft, den Genossen Stalin etc. Schon Anfang der 50er Jahre war das für die meisten Leser unakzeptabel, heute, mit dem historischen Besserwissen, wirkt es mitunter unerträglich. Dass insbesondere „Djævelens Penge“, das zuvor schon als Feuilleton erschienen war, gleich in   10000 Exemplaren im Parteiverlag „Tiden“ aufgelegt wurde und sich rasend schnell verkaufte, bald eine zweite Auflage notwendig machte, lässt sich nur mit zwei Begründungen erklären, sofern man vom extra schmalen Preis und aufwändigen Illustrationen des berühmten Karikaturisten Herluf Bildstrup einmal absieht. Entweder war es das Parteivolk, welches kaufte und darin die eigene Meinung bestätigt fand oder aber fand der gnadenlose Rundumschlag gegen alles und jeden, der jemals sich schuldig gemacht hatte, große Aufmerksamkeit. Værnemageri war das Reizwort der Zeit, weniges konnte die Gemüter derartig erhitzen. Dänemark erlebte eine aufgeladene Zeit der Beschuldigungen und Verdächtigungen, der Selbst- und der „Klassenjustiz“. Und Kirk, wie gesagt, schonte niemanden, nahm das Gesamtgeflecht aufs Korn: König, Parlament und Regierung, Wirtschaft, Justiz, Kirche, Groß- und Kleinbürgertum, Künstler, Intelligenz und auch die Arbeiter, die ihr täglich Brot beim Bau von Flughäfen und Bunkeranlagen für die Deutschen verdienten. Am härtesten traf es freilich die Wirtschaft, nicht zuletzt deshalb, weil sie nach Kriegsende schnell mit allen ökonomischen und machtpolitischen Mitteln ihre Unschuld „beweisen“ konnte und weil sie vor allem unmittelbar im Anschluss am Projekt weiterbaute, diesmal nur im Dienste der amerikanischen Imperialisten. Die dänischen Leser der Zeit hatten es nicht schwer, diesen auch als Schlüsselroman angelegten Text zu entschlüsseln: Die Firma, die Bosse, die Politiker, die Anwälte … sie waren alle bekannt, waren Personen des öffentlichen Lebens; sie hier offen angeklagt zu sehen, mag ein weiterer Grund für den kurzen, aber heftigen Erfolg des literarisch sekundären Werkes gewesen sein. Aber lässt man sich von der künstlerischen Unzulänglichkeit nicht allzu sehr abschrecken, dann wird in der Tat ein nahezu enzyklopädisches Unterfangen, eine gesamtgesellschaftliche Darstellung – von der Feldmatratze bis zum Wirtschaftsmagnaten, vom Schieber bis zum Proletarier, vom suizidalen Looser bis zum Selfmademan –, ein inhaltlich komplexes Werk von bedeutendem zeithistorischem Wert hinter der Kulisse sichtbar, mit verzerrten Zügen, keine Frage, aber doch ein Großversuch, an die Wurzel des Missstandes heranzukommen. Es hätte ein Meisterwerk werden können, wären die Figuren nicht überstilisierte Sprachrohre ihrer jeweiligen klassengebundenen Weltanschauung, wäre es nicht so unsäglich ideologiebelastet und so ungenügend durchkomponiert, insbesondere das zweite Buch, wo Kirk zudem dokumentarisches Material einfügt, und sich damit bewusst für die Zeitaktualität und gegen den zukünftigen Leser entscheidet.

Die Entstehungsgeschichte als Fortsetzungsroman in der Literaturbeilage von „Land og Folk“, dem Zentralorgan der DKP, mit permanentem Zeitdruck und offener Fortführung, kam dem Projekt sicherlich nicht entgegen. Trotzdem dürfte es keinen äußeren Zwang gegeben haben, in langen didaktischen Passagen Ideologie und Theorie auszuwalzen. Man muss also davon ausgehen, dass ein so sensibler Autor wie Hans Kirk ganz bewusst diesen Weg gehen wollte. Offensichtlich saßen der Schock der Besatzungszeit, die Gefängnisjahre, die Jahre im Untergrund, die große Enttäuschung über die dänische Mehrheit – das alles führte in den 40er Jahren zu Kirks politischer Radikalisierung – so tief, dass er alle artistische Vorsicht weglassen zu müssen glaubte. Die dürftigen Versuche, dies durch Ironie abzufedern, scheiteren deswegen, weil Kirks Ironie hier alles andere als subtil ist, weil sie oft mit aggressivem und mitunter zynischem Unterton daherkommt und sie folglich meist ungenießbar macht. Da wird Literatur zum Auftrag, zur politischen Tat. Dem Leser wird kaum Imaginationsfreiheit gelassen, alle Motive und Zusammenhänge werden gnadenlos benannt, so wie man das eigentlich nur aus der Trivialliteratur kennt. Tatsächlich dürfte Kirk diesbezüglich von der Idee Brechts – man stand in kurzem Briefwechsel – der analytischen und didaktischen Kunst beeinflusst worden sein, nur geht er weit weniger „dialektisch“ vor.

Trotzdem konnte er selbst hier, in stillen reflektiven Momenten, sein bäuerliches, urproletarisches oder auch Hamsunsches Erbe, wie man es nennen könnte, nicht gänzlich ablegen. So sinniert in etwa der junge Kommunist Gregers über die „Børster“, die Straßenarbeiter, denen Kirk in Cilius und anderen in seinen Kollektivromanen ein Denkmal gesetzt hatte: „Landsknechte der Arbeit, dachte Gregers. Tapferes, grobes Volk, das die schwerste Arbeit im Lande übernommen hat. Meine Mutter ist stolz darauf, dass sie einem jahrhundertalten Kulturgeschlecht entstammt. Aber sind sie nicht das wahre Kulturgeschlecht? Sitzt er nicht dort, der alte Krudtkarl[1], vernarbt von der Arbeit Schrammen, aber mit der ganzen gesunden Üppigkeit in seinem alten Körper. Weiß er letzten Endes nicht mehr um Kultur als zehn Generationen von Professoren, Rektoren, Dichtern und Priestern? … Das Leben ist groß und fruchtbar durch ihn hindurch gegangen. Er weiß Bescheid. Und jetzt soll er hinaus zum Torfstechen, und eines schönen Tages streckt er sich müde im Moos aus und stirbt einsam, aber noch immer mitten in der Gemeinschaft der Arbeit, und ohne dass wir es wissen, hat er uns eine Erbschaft von Reichtum hinterlassen.“ (180) Daran reicht noch nicht einmal der junge kommunistische Kader … Hier spricht sich auch eine Melancholie aus, die den Verlust der alten, ehrlichen, überschaubaren Zeiten beklagt.

Vielleicht kann man, mit Carsten Jensen, versöhnlich konstatieren: „Aber es ist Zeugnis der Qualität in Kirks Autorschaft, dass dieser Zusammenbruch so spät eintraf.“ (198)

Der unvergleichliche Tom Kristensen schrieb einen offenen Brief an die Parteileitung der DKP:

„An die Leitung der Dänischen Kommunistischen Partei!

Da alle dänischen Leser am Werk und an der Entwicklung des großen Schriftstellers Hans Kirk interessiert sind, bitte ich die Leitung freundlichst, ihn nicht öfter auf literarischen Uriasposten (gefährlichen Posten) zu stellen, sondern uns den Dichter der ‚Fischer‘ und der ‚Tagelöhner‘ wiederzugeben.“[2]

Mit seiner Novellensammlung „Skyggespil“ erfüllte Kirk diesen Wunsch.

 

Literatur:

Kirk, Hans: Djævelens Penge. Vinten Stjernebøgerne. København 1984

Kirk, Hans: Klitgaard og Sønner. Vinten Stjernebøgerne. København 1969

Andersen, Jens/Emerek, Leif: Hans Kirks Forfatterskab. København 1972

Højlund, Inger: En Udviklingslinie i Hans Kirks Forfatterskab. København 1978

Jensen, Carsten: Folkelighed og Utopi. Brydninger i Hans Kirks Forfatterskab. København 1981

Thierry, Werner: Hans Kirk. København 1977

Thing, Morton: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. København 1997

 

 ©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

 

 



[1] Name der Figur Karl Krudt, zugleich Wortspiel aus „krudt“: Schwung und „karl“: Kerl

[2] In: Thing, S. 314