I dyst for livet – Im Kampf ums Überleben (1930)

 

In den 20er Jahren gelang es dem Verleger Chr. Erichsen mehrere Autoren der kulturradikalen Szene als Verfasser von Kinderbüchern zu gewinnen, die für das Genre in Dänemark bedeutsam wurden. Das bekannteste darunter – es wurde wohl auch im Radio verlesen – dürfte Hans Kirks Abenteurerroman „I dyst for livet“ gewesen sein. Zuvor hatte Otto Gelsted, Kirks Freund und weltanschaulicher Mentor Mitte der 20er zwei Bücher vorgelegt: Eventyrlige dage (Abenteuerliche Tage) und Paa flugt (Auf der Flucht). Die Familiensaga will und die Literaturwissenschaft konnte dafür Indizien zusammentragen, dass Kirk selbst diese beiden Geschichten schrieb bzw. entscheidend daran mitarbeitete. Gelsted und Kirk sollen sich einen wahren Spaß daraus gemacht haben, bis in die Anmelderkritik hinein, wo Kirk dem „Autor“ Gelsted vorwarf, in seiner Mittelaltergeschichte fälschlicherweise die Kartoffel erwähnt zu haben, obwohl diese Europa noch gar nicht erreicht hatte.[1] Kirk war damals noch ein unbeschriebenes Blatt, eine solche Scharade könnte also durchaus sinnvoll gewesen sein.

Eindeutig liegt die Sache bei dem hier zu besprechenden Buch, das zwei Jahre nach Kirks literarischem Durchbruch „Die Fischer“ entstand. Wie dort beginnt das Abenteuer an der windumtosten westjütländischen  Küste in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Daniel, der Ich-Erzähler, anfänglich im Jungenalter, Sohn eines Priesters, ohne Mutter aufgewachsen, sehnt sich nach dem Meer. Als er einen Schiffbruch vom Lande aus beobachtet, lernt er die Gefahren kennen. Der einzige Überlebende, Edvard, ein Junge aus England, wird zu seinem jüngeren Bruder. Als die Beiden zusammen mit dem alten Knecht und vormaligen, mit allen Wassern gewaschenen, Seebär Enock sowie dem gelehrten, aber weltfremden und permanent griechische und lateinische Klassiker repetierenden Schulmeister bei einer Angeltour vom Unwetter überrascht werden, beginnt das Abenteuer. Sie werden von einer schwedischen Schute auf Ostindienfahrt gerettet, müssen aber an Bord bleiben. Die Mannschaft leidet unter einem despotischen und willkürlichen Kapitän: Immer wieder kommt es zu Intrigen und Unruhen, an der afrikanischen Küste werden Eingeborene bekämpft …, schließlich führt das Chaos zur Meuterei und Daniel wird der neue Kapitän, der freilich, nachdem die Branntweinvorräte zu Ende gehen, einer eigenen Meuterei zum Opfer fällt. Ein Sturm rettet ihn und seine Freunde vor dem Galgentod, stattdessen landen sie auf einer einsamen Insel. Von dort werden sie von Seeräubern errettet, müssen dafür aber in deren Dienste treten. Als die Bande einem englischen Kriegsschiff in die Hände fällt, droht erneut allen der Galgentod. Nun endlich kann der schmächtige Magister den Wert der Gelehrsamkeit erweisen: Weil er die Ilias im Original aus dem Gedächtnis hersagen kann, glaubt man den Helden des Buches, dass sie Opfer und nicht Mittäter der Piraten waren. Nach jahrelanger Irrfahrt kommen sie zurück, Daniel wird Seemann, wie erhofft, und hat seine Verwirklichung und Freiheit gefunden.

Freiheit ist in der Tat das Schlüsselwort dieser Auf- und Ausbruchsgeschichte. Es ist die Freiheit von den Reglementierungen der Erwachsenen und die der jugendlichen Phantasie[2]. Immer wieder stöhnt Enock über die Gelehrtheit des Schulmeisters und warnt vor zu viel Wissen, aber er wird letztendlich eines Besseren belehrt: auch Homer, Horaz und Plutarch können zu etwas nütze sein. Diese ironische didaktische Wendung ist typisch für das flott und spannend und auch lustige Buch für „Jungen von 10 – 14 Jahren“.  Es geht ausschließlich um Abenteuer, gewiss eine sichere Bank in diesem Genre – Mädchen, Frauen, Liebe sind abwesend –, aber Abenteuer, die immer wieder aufs Neue, unauffällig, die Frage nach Gerechtigkeit und Unterdrückung aufwerfen. Das ist nicht die einzige Kirksche Eigenheit. Mit Enock, der mit beiden Beinen im Leben steht und stets einen lustigen Spruch auf den Lippen hat, schuf Kirk eine Jugendversion des „Børste“-Typen, den man sowohl auf der Straße als auch zur See antreffen kann. In fast allen Romanen findet sich dieser von Kirk so bewunderte urtümliche, echte, wahrhaftige Typ, meist bildungsfern, aber voller menschlicher Weisheit: Cilius und andere Straßenarbeiter in „Die Tagelöhner“ und „Die neuen Zeiten“, Gaal in „Vredens Søn“, Grejs Klitgaard und die seinen in den Klitgaard-Romanen. Vielleicht kann man in Enock sogar die Geburtsstunde dieser Grundgestalt sehen? In ihm lebt der gleiche alte Volksaberglaube, dem noch die Tagelöhner anhingen. Auch die verschmitzte Intellektuellenschelte klingt vertraut und dass der mit klassischer Bildung vollgestopfte Magister den letztendlich lebensrettenden Triumph feiern darf, zeugt möglicherweise sogar von Kirks eigenem Konflikt, Intellektueller zu sein, aber den Intellektualismus zu verachten. Vielleicht ist das auch alles zu hoch gestochen und man sollte nicht mehr als eine clever gearbeitete Abenteuergeschichte darin sehen, die natürlich gut ausgeht, oder, wie Enock abschließend sagt: „So hat sich also alles zum Guten gewandt, sagte der Junge, als der Schullehrer stürzte und sich das Bein brach.“ (147)

Hans Kirk ist desweiteren Verfasser eines Kleinkinderbuches ”Jørgens Hjul” und eines weiteren Jugendromans ”Præstens Søn“.

 

Literatur:

Kirk, Hans: I dyst for livet. Chr. Erichsens Forlag. København 1959 (1930)

Thing, Morton: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. København 1997

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

[1] Dazu: Morton Thing, S. 119 ff.

[2] Vgl. Thing a.a.O.