Borgerlige Noveller/Bürgerliche Novellen (1958)

 

Das schmale Novellen-Bändchen, 1958 erschienen, löste im Feuilleton Verunsicherung aus: man wusste nichts Rechtes damit anzufangen. Sollte es eine Fortsetzung der überragenden „Schattenspiele“ sein? Zwei oder drei Novellen hätten darin durchaus Platz gefunden. War der Titel, wie der meist so treffsichere Tom Kristensen glaubte, ironisch gemeint? Warum entschied sich Kirk, dessen Werk doch abgerundet schien, zur Herausgabe einer solch heterogenen Sammlung? Dass Kirk hunderte Novellen für verschiedene Zeitschriften unter wechselnden Pseudonymen geschrieben hatte, war bekannt, aber weshalb er gerade diese zehn, meist in den 30er und 40er Jahren schon erschienenen, auswählte, umarbeitete und publizierte, verwunderte viele. Dabei lag des Rätsels Lösung vor aller Augen. Man kann bei der Erstlektüre, die ja auch von vorherigen Leseerfahrungen geprägt ist, enttäuscht sein, bei genauerer Hinsicht wird dann jedoch deutlich, dass Kirk im Titel den roten Faden ausgelegt hat. Nur sind es keine Novellen für das Bürgertum oder ein bürgerliches Publikum, sondern sie thematisieren es in diversen Facetten, oder genauer: sie demaskieren das Bürgertum und das meistens mit einer abschließenden mehr oder weniger überraschenden, mehr oder weniger originellen Pointe.

So findet das „Kleine Fräulein Kaveline“, eine verkrüppelte und geistig zurückgebliebene gequälte Kreatur, die Erlösung im Glauben und kann in der ihr beigebrachten Vorstellung – „dein himmlischer Vater liebt dich“ – in Frieden sterben. Aber Kirk hängt den letzten, fast zynischen Satz an: „… ihr zerbrechlicher Körper ruht neben dem des alten Kaufmanns Mullerup. Sie ist bei ihrem Vater“. Ihr leiblicher Vater war der einzige Mensch, der ihr Liebe entgegenbrachte und als er vor 20 Jahren starb, brach die Welt für sie zusammen. Kaveline kann also nicht unterscheiden zwischen ihrem leiblichen und dem Vater im Himmel, Religion, scheint Kirk sagen zu wollen, mag zwar helfen, das Leid zu lindern, beruht aber auf Täuschung. Ob das nun ein Plädoyer für oder gegen den Glauben sein soll, bleibt offen.

In „Patrizier und Plebejer“ steigert sich der verknöcherte und erzkonservative Lateinlehrer Plinius in einen Hass gegen seinen sozialdemokratischen Nachbarn und Kollegen Knudsen, lässt in der Schule dessen Sohn dafür leiden, findet Knudsen in einer plötzlichen Wandlung aber sympathisch, nachdem er entdeckt hat, dass dieser mit dem Bildungsminister befreundet ist.

In der Erzählung „Das Plakat“ portraitiert der Kunstmaler Børkop seinen theosophischen, pazifistischen, vegetarischen, abstinenzlerischen Hausnachbarn Hummel, ohne ihm zu sagen, dass das Motiv für ein kommerzielles Whiskey-Werbeplakat Verwendung finden wird. Als dieser sich in der ganzen Stadt trinkend abgebildet sieht, wird er gewalttätig.

„Gegenseitige Hilfe“ zeigt einen Geschäftsmann und einen Bürochef, die sich unter dem Vorwand alter Schulfreundschaft treffen und beide doch ihre Schäfchen im Trockenen haben möchten. So wird eine Vereinbarung getroffen, die letztlich zur Entlassung eines altgedienten Mitarbeiters führt: „Aber Scheiß drauf. Hauptsache die Sache läuft.“ (48)

„Herr d’Etagnacs Gedichte“ sind „der reine Dilettantismus“, aber sie gehören zu seiner Lebenslüge und niemand wagt, ihm die Wahrheit zu sagen.

Die Stiefel

Interessanter und vielleicht nicht nur zufällig in der Mitte platziert, ist „Die Stiefel“. Kirk schildert hier ein so oder ähnlich widerfahrenes prägendes Jugenderlebnis. Dem Kadetten der Vorzeige-Akademie Sorø mangelt es an Schuhwerk und als er im Heimaturlaub davon berichtet, meint die Mutter ihm Gutes zu tun, ihm ihre neuen Stiefel von hervorragender Qualität zu überlassen: Damenstiefel! Der Junge ahnt die Torturen und Sticheleien, wenn er mit Frauenstiefeln im Jungenpensionat erscheint, muss sich der Mutter aber geschlagen geben, nachdem diese das soziale Totschlag-Argument herausholt: „Hör nun einmal her, mein Junge, sagte Mutter. – An den Stiefeln ist ja nichts Verkehrtes, und sie passen dir. Und neue Stiefel sind teuer. Du weißt ja selbst, wie hart dein Vater arbeiten muss, er fährt von früh morgens bis spät nachts zur Praxis hinaus. Und es wird so viel von ihm verlangt, es gibt so viele, denen geholfen werden muss. Wir dürfen nichts fordern. Wir dürfen nichts verlangen, was nicht notwendig ist. Wir dürfen nichts verkommen lassen, was noch gebraucht werden kann. Das verstehst du doch“ (59) Das versteht der junge Hans, aber die Mutter versteht ihn nicht und ahnt wohl kaum, welchen Qualen sie ihn aussetzt. Über Wochen und Monate versucht der Schüler nun mit allen möglichen Mitteln, die Schuhe unerkannt zu tragen: Morgens steht er zeitig auf, abends geht er als letzter ins Bett, um sich nicht vor den andern umkleiden zu müssen, im Sport erfindet er Geschichten, die die Aufmerksamkeit seiner Kameraden ablenken etc., die Schulleistungen lassen wie die Kräfte nach. Irgendwann wird die Spannung zu groß und er versenkt die Stiefel heimlich im See. Da ist Kirk neben der sozialkritischen Aufmerksamkeit vor allem auch ein pädagogisches Lehrstück gelungen!

Danach fällt das Niveau deutlich ab. „Der obdachlose Geist“, der die Geschichte eines Astralleibes beschreibt, welcher in den Körper eines bekannten Feuilletonisten schlüpft und ein wenig bürgerliche Medienkritik leisten soll oder das „Märchen vom ersten Rechtsanwalt“, der in der Hölle vom Teufel und seiner Großmutter persönlich erschaffen wurde, das sind minderwertige, zu aufgesetzte Späße, um tiefer analysiert zu werden.

In „Die Kindstaufe“ lässt sich ein Pfarrer, im Glauben etwas Gutes zu tun, von einem armen Inselbauern 50 Kronen aus dem Ärmel ziehen, um danach zu erfahren, dass es sich um einen der bekanntesten Schlingel und Kleinbetrüger in der Gegend handelt.

Erst die letzte Erzählung „Der Lindwurm“ schließt wieder an das hohe Niveau des „Schattenspiels“ an. Erzählt wird die tragische Geschichte des Jungen Kristian, der sich wagt, Kreuzottern (hugorm) zu packen und gerne den Lindwurm (lindorm), den Drachen, mit Dynamit töten möchte, den er im Berg wohnen wähnt. Hier gelingt es Kirk zum letzten Mal das Wunderland Kindheit einzufangen. Die Blase platzt, als Kristian beim Spiel mit dem Gewehr des Vaters seine kleine Schwester erschießt und seither als gebrochener Mensch sein Leben fristen muss. „Und man dachte wunderliche Sachen, die man nicht wagte, mit anderen zu teilen. Gleich neben dem Haus lag der Hügel, wo der Lindwurm seine Höhle hatte. Hatte er gehört, was wir an jenem Nachmittag im Sommer sprachen? Hatte das Ungeheuer hinter der Erdwand gelauert und Kristians Plan, ihn mit Dynamit zu töten, belauscht? War es wohl das böse Untier, das dafür gesorgt hatte, dass das Gewehr geladen an der Wand hing, und war es der Lindwurm, der Kristian dazu gebracht hatte, das Gewehr herunter zu nehmen?“ (102) Hier findet Kirk noch einmal zu einer naturmystischen Unentschlossenheit, die einen bestimmten, von Hamsun kommenden Zweig der skandinavischen Literatur auszeichnet: „Es war, als ob das Fabeltier im Hügel lebendiger als Gespenster und Geister, Engel oder Teufel wurde. Es war selbst zum bösen Prinzip geworden. Das Böse und Gefährliche in der Natur, in der Welt, in uns selbst, das versteckte Unglück, das in den geheimen Gängen der Dunkelheit auftaucht und niemanden schont.“ (103)

Man kann sich Andersens und Emereks Zusammenfassung anschließen, wenn sie schreiben: „Diese acht Erzählungen („Die Stiefel“ und „Der Lindwurm“ ausgenommen) enthüllen also alle die Korrumpierung der bürgerlichen Gesellschaft, die alle Gesellschaftsstufen umfasst: Der bürgerliche Kapitalismus ist zynisch („Gegenseitige Hilfe“), der bürgerliche Beamtenstand ist heuchlerisch, korrupt („Patrizier und Plebejer“) und verlogen („Märchen vom ersten Rechtsanwalt“), die bürgerliche Presse ist verworren und asozial („Der obdachlose Geist“), die bürgerliche Religion bedeutet Lebenslüge („Das kleine Fräulein Kaveline“) und Eskapismus („Die Kindstaufe“), und die bürgerliche Kunst steht dem Geschäftsleben in punkto Ausbeutung („Das Plakat“) oder der Religion in punkto Lebenslüge („Herr d’Etagnacs Gedicht“) in nichts nach.“ (82)

Einmal mehr sehen wir Kirk bei einem Rundumschlag in alle bürgerlichen Richtungen und wie alle seine tendenziösen Werke, so steht auch dieses weit hinter den eigentlichen Kunstwerken zurück. Besonders die autobiographischen Novellen, die Perlen dieses Bändchens, haben trotzdem einen literarischen Wert und einen hohen Genussfaktor.

 

Literatur:

Kirk, Hans: Borgerlige Noveller. Gyldendal. København 1970 (Erstausgabe 1958 im Parteiverlag ”Tiden”)

Andersen/Emerek: Hans Kirks forfatterskab. Et forsøg på en litteraturhistorisk revision. Vinten. København 1972

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel