Danmarksrejsen/Reisen durch Dänemark (1966)

„Es ist ja ein sehr vernünftiger Standpunkt, dass man sein eigenes Land kennen sollte, bevor man sich in die Fremde begibt.“

 

Schon seit Ende der 40er Jahre schrieb Hans Kirk für „Land og Folk“ kleine Reiseberichte. Allein oder in Familie, zu Fuß, auf dem Rad oder mit dem Zug bereiste und besichtigte er sein Heimatland. Ende der 50er Jahre entstand dann die Idee, zusammen mit dem Zeichner Alex Secher, diese Reiseberichte zu einem Buch zusammenzufassen, aber erst 1966, also 4 Jahre nach Kirks Tod, wurde das großformatige und reichlich bebilderte Buch „Danmarksrejsen“ veröffentlicht und bald wohl auch wieder vergessen.

Dabei sind die 26 kurzen Kapitel vor allem eines: eine Liebeserklärung an das Land. Der Leser, der Kirk über viele Jahre als unnachgiebigen, vor bitterem Spott und Beschimpfungen nicht zurückschreckenden politischen Kommentator kannte, begegnet hier einem von der Natur befriedeten Autor, der in sich zu ruhen scheint und aus dieser Gelassenheit die Liebe an sein Land und die Freude über seine sanfte Schönheit vollkommen überzeugend erklären kann. Das bedeutet nun nicht, Kirk hätte sein soziales Gewissen vollends beruhigt – wo sich ein kleiner Seitenhieb anbietet, dort wird die Gelegenheit nicht versäumt –, aber die sozialkritischen Äußerungen sind so sanft formuliert, dass sie nur dem aufmerksam danach Suchenden wirklich ins Auge fallen.

Aus der unmittelbaren Nähe der jeweiligen Reisebeschreibung scheint es immer nur um die Gegend, die Natur zu gehen, aber aus der zusammenfassenden Distanz wird deutlich, dass Kirk ein ehrgeizigeres Projekt verfolgte, nämlich das, den dänischen Menschen begreifbar zu machen. Was wird aus einem Volk, das seit Urgedenken sich mit Landwirtschaft und Fischfang, harter Arbeit in der freien Natur, durchschlagen muss, das vielerorts den formenden Elementen von Wasser, Wind und Sand ausgesetzt ist, ein Volk, das quasi ohne nahen Horizont aufwächst und demzufolge sanfte Erhöhungen wie Fetische verehrt und sie immer aufs Neue besteigt, um die unendlichen Weiten und den offenen Himmel zu erfassen. Die Dänen, das sind seit je Menschen mit Überblick und mit Respekt vor den Unermesslichkeiten der Welt – scheint uns Kirk sagen zu wollen. Sie leben in weiten territorialen und historischen Räumen. Fast manisch besteigt Kirk jeden kleinen Berg und feiert die Ferne und die Freiheit, den weiten Blick. Was sonst soll man auch tun, in einem Land ohne große Sensation? So ist es das Lob des Kleinen, des Bescheidenen.

Kirk lauscht der Bevölkerung. Fast überall findet sich ein alter Mann, ein Fischer, Bauer oder Proletar, der wortkarg ein paar Fakten oder Geschichten zum Besten gibt. Märchen, Sagen, Aberglaube – das hat Kirk schon immer fasziniert: Zwerge, Trolle, Geister, Wiedergänger, Räuber und Rächer, Robin-Hood-Typen wie Jens Langmesser. Immer wieder auch die Berufung auf große literarische Vorgänger: Blicher, Aakjær, Pontoppidan. Aber auch Realgeschichte: das Leben mit dem Meer, der Kampf um Leben und Tod, wenn das Wetter plötzlich umschlägt, der alles vernichtende Sand, der über Nacht einen ganzen Hof auffressen kann, die wandernden Dünen, die unberechenbaren Moore, aber auch das hartnäckige Abgewinnen neuen Landes durch Trockenlegungen von Meer und Moor. Was die Natur sich an einem Ende nimmt, das darf der Mensch sich am anderen wiedernehmen. Kirk ergreift stets die Partei für den Menschen. So kann er selbst den Mondlandschaften der Braunkohlefelder um Herning noch gerechtfertigte Schönheit abgewinnen und dass das einst vollständig bewaldete Dänemark heute nur noch ein paar Waldplantagen vorzuweisen hat – die wie mystische Märchenwälder verehrt und dämonisiert werden – hat seine Berechtigung, denn die Menschen brauchten nun das Holz für Schiffe, Öfen oder Buhnen.

Seine besondere Vorliebe gilt freilich seiner angestammten Heimat Jütland und dort wiederum dem Norden, wo er und die beiden Familienzweige aufgewachsen sind: daher auch die vielen Querverweise zu Werk und Biografie. Von Skagen ganz im Norden geht die Tour durch das fruchtbare Thy; dort verbrachte Kirk unvergessene Sommer bei Großmutter und Urgroßmutter, letzte Ausläufer eines jahrhundertealten, matriarchalisch geführten Großbauerngeschlechts. Es geht weiter die Westküste hinunter, herbe Landschaften mit verschlossenen, tief religiösen innermissionischen Menschen, von denen der Vater abstammte. Dann zurück nach Himmerland und dem Mariagerfjord, der eigentlichen Heimat, über Mols Bjerge zurück nach Südjütland und erst das letzte Drittel des Buches sind Fünen, Seeland, Møn und Bornholm gewidmet; Langeland, Lolland und Falster gehen leer aus.

 

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Kirk erlebte das Land im Umbruch. Die meisten Moore waren trocken gelegt, die Heide umgeackert, die Wälder abgeholzt, Straßen fraßen sich ins Land, die alten Gehöfte begannen zu verschwinden, die kleinen Dörfer und Städte nahmen urbanen Charakter an, die weißgetünchten Kirchen verkamen zu Touristenzielen; er bereiste Dänemark zu einer Zeit, als man sich allmählich bewusst wurde, dass die letzten Reste besser zu bewahren sind, will man die nationale Identität nicht gefährden. Es ist keine schlechte Idee, Kirks Reisebeschreibungen nach fünf Jahrzehnten zum Anlass einer vergleichenden Neubereisung zu machen. Die Reisesehnsucht weckt das Buch allemal.

 

Literatur:

Hans Kirk: Danmarksrejsen. Tegninger af Alex Secher. Chr. Erichsen Forlag. København 1966. 208 Seiten

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel