Essays: Litteratur og tendens / Det borgerlige frisinds endeligt

 

Hans Kirks literarisches Schaffen war von Anfang an und bis zu seinem Lebensende von einer aktiven Teilnahme am künstlerischen und politischen Diskurs in Dänemark begleitet. In Form von Essays, Artikeln und Rezensionen griff er besonders in der linken Presse ins Tagesgeschehen ein. Sein erster öffentlicher Auftritt war sogar ein solcher Essay.

Unter der Masse an Artikeln sammelte der Autor, Redakteur, Parlamentsmitglied und Freund Kirks Børge Houmann in den 70er Jahren einen repräsentativen Querschnitt – zwei Bücher, die viel Aufmerksamkeit erlangten und seither zur Primärquelle für Kirk-Interessierte wurden. Einige dieser Artikel hatten bereits legendären Status erhalten, ein Großteil der paradigmatischen ästhetischen und religiösen Aussagen, die in Polemik und Literaturwissenschaft kursierten, sind hier versammelt und konnten nun im Kontext nachgelesen werden.

 Artikler og essays

Der erste Band erschien 1974 unter dem Titel „Litteratur og tendens“. Damit war nicht nur das Thema abgesteckt, sondern auch jene Zentralkategorie benannt, unter der Kirk viele Male behandelt wurde, die ihn aber auch selbst faszinierte: Tendenz. Tendenzlose Literatur gab es für ihn nicht, aber Literatur, deren Tendenz durchschien, zählte umgekehrt nicht. Das zumindest galt für den Kirk vor der Fundamentalerfahrung Krieg, Besetzung, Gefangenschaft, Illegalität und Kollaboration.

In diesen Essays macht er sein Realismusprogramm deutlich – „Die Wirklichkeit ist der Stoff, mit dem die Literatur arbeitet …“ –, nimmt verschiedene Male zur Form-Inhalt-Dichotomie Stellung, ganz entschieden auf der Form-Seite – „Man muss den Stoff suchen und sich vorläufig nicht um die Form kümmern. Die wird von der Zeit schon zurecht geschliffen.“ – und äußert sich besorgt über die modernen, damals gerade aufkommenden Massenliteraturphänomene. Es wird große internationale Literatur, zum Teil recht launisch, besprochen – Balzac, Hemingway, Hamsun, Laxness, Thomas Mann … – vor allem aber nimmt er Stellung zur dänischen Nationalliteratur und ihren hervorragendsten Repräsentanten: Georg Brandes, Andersen Nexø, Sophus Claussen, Johannes V. Jensen, Otto Gelsted, Hans Scherfig, Jeppe Aakjær, Karen Blixen … Diese Artikel sind ein who-is-who der zeitgenössischen dänischen Literatur. Sie sind freilich von ganz unterschiedlichem Niveau und man kann sich manchmal nicht des Eindrucks erwehren, dass Houmann eine besondere Präferenz für Gleichgesinnte besaß. Auch wird Kirk, aus heutiger Sicht, mit manchem katastrophalem Fehlurteil beschämt. Um jedoch Kirks Poetik, die nie systematisch von ihm dargestellt wurde, verstehen zu können, sind Artikel wie „Om proletarkunst“, „Litteratur og tendens“, „Litteraturens industrialisierung“, „Om klarhed og dunkelhed i litteraturen“ u.a. ebenso unverzichtbar wie etwa Kirks ehrliche, direkte, furchtlose und kritische Auseinandersetzung mit den Literaturgiganten Nexø und Johannes V. Jensen.

1978 folgte dann der zweite Band: „Det borgerlige frisinds endeligt“ (Das Ende der bürgerlichen Vorurteilslosigkeit), in dem vornehmlich die aktuell-politischen, agrarpolitischen und religionstheoretischen Arbeiten versammelt sind. Allerdings beginnt die Sammlung mit jenem richtungsweisenden Erstling über Henri Barbusse. Die Artikel „Religion og hartkorn“ oder „Kan Danmark afkristnes?“ sind mittlerweile Klassiker. Darin entwirft Kirk seine Idee der Abhängigkeit der Religionswahl von den sozialen Bedingungen: Das schwere, karge und wenig emanzipationsfähige Milieu an der Westküste bringt einen strengen Pietismus hervor – die Innere Mission –, während die fetten Äcker in Mitteljütland den lebensbejahenden lutherischen Grundtvigianismus ermöglichen. Auch seine sexualpolitischen Überlegungen sind hier versammelt, die zum einen Religiosität als „verkleidete sexuelle Wunschträume“ beschreiben, zum anderen eine umfassende sexuelle Befreiung fordern, ohne die jegliche gesellschaftliche Emanzipation unerreichbar bliebe. Diese Artikel sind Goldgruben für Leser der Kollektivromane.

Zwei Drittel des Bandes sind dem Phänomen des Faschismus gewidmet. Schon Mitte der 30er Jahre sieht Kirk die Gefahr, auch die Gefahr für Dänemark, nach der Besetzung durch die deutschen Truppen agitiert er aufs heftigste und nimmt vor allem jene Vertreter des Kultur- und Politiklebens in die Pflicht, die sich nicht aktiv in den Widerstand begeben. Nach der Befreiung gilt sein Zorn den Kollaborateuren – in seinen späten Klitgaard-Romanen versuchte er der Wut dann künstlerisch Herr zu werden. Houmann scheute auch nicht davor zurück, einige Sätze Kirks aufzunehmen, die dem heutigen Leser, und wohl auch bereits dem der 70er Jahre, die Chance geben, Kirks Fehlurteilsfähigkeit zu bewundern, etwa wenn er die Moskauer Prozesse kommentiert. So ist nicht nur eine wesentliche Sammlung politischer und im weitesten Sinne philosophischer Ansichten Kirks entstanden – durchaus hilfreich, Teile des literarischen Werks zu erschließen –, es ist auch ein historisches Dokument von Wert.

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

 

Literatur:

Hans Kirk: Litteratur og tendens. Essays og artikler. Udvalg og forord ved Børge Houmann. Gyldendals Uglebøger. København 1974. 216 Seiten

Hans Kirk: Det borgerlige frisinds endeligt. Essays og artikler. Udvalg og forord ved Børge Houmann. Gyldendals Uglebøger. København 1978. 206 Seiten