Henri Barbusse: Das Feuer (1917)

 

Als 1917, noch mitten in den Kriegswirren, Barbusse‘ Kriegsbuch „Das Feuer. Tagebuch einer Korporalschaft“ erschien, da schlug es ein wie eine Bombe. Klerus und Reaktion reagierten mit wüsten Beschimpfungen – von Vaterlandsverrat und Demoralisationsversuch war die Rede –, aber die Soldaten im Graben auf beiden Seiten erkannten sich wieder und die intellektuelle Welt war geschockt. Hier hatte einer den Kriegsdenkmälern „Krieg und Frieden“ (Tolstoi) und „Der Zusammenbruch“ (Zola) ein adäquates Meisterwerk hinzugefügt, weit weniger umfänglich aber bis heute an Konkretheit, Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit unübertroffen. Alles, was bis dahin an künstlerischer Kriegsverarbeitung erschienen war, war Makulatur, alles, was von nun an geschrieben wurde, musste sich an Barbusse messen oder seiner wirklichkeitsgetreuen Sichtweise meilenweit aus dem Weg gehen. Arnold Zweigs sechsbändiges Monumentalwerk „Der große Krieg der weißen Männer“ zum Beispiel, war nichts anderes, als eine breite epische Ausfaltung des Grundgedankens Barbusse‘: „Als Nerv zog sich hindurch der Reifungsprozess des Schriftstellers und Armierers, seine Reinigung von Illusionen, die Anerkennung der Wirklichkeit, wie sie die Klassengesellschaft und ihr Zerfall im Übergang schließlich auslösen musste.[1]“ Im zentralen Band „Einsetzung eines Königs“ hatte er die Erweckungsszene des Schreibers Bertin alias Zweig wortgewaltig beschrieben (339 ff.).[2] Und so ging es vielen, der Krieg war entzaubert und auf der Erlebnisebene erklärt und beschrieben.

Von diesem Buch her stammt auch Kirks enges künstlerisches Verhältnis zu Barbusse. Einer seiner ersten größeren Artikel, der später „auch als Programmerklärung verstanden“ wurde[3], aus dem Jahre 1924, widmete sich ausführlich dem französischen Autoren, dessen Schaffen er seither aufmerksam und intensiv verfolgte.  Kirk schrieb – Barbusse‘ frühe subjektivistische Entwicklung, die in eine künstlerische Sackgasse geraten war – rekapitulierend:

„Mit ‚L’enfer‘ und ‚Nous autres‘[4] ist jeder Weg abgeschnitten. Die Realität ist besiegt. Das war konsequent, denn dem Verfasser mangelt es an Vitalität. Niemals hat er die Wirklichkeit, die er verleugnet, erlebt. Um sich vor dem Wahnsinn zu retten muss er behaupten, dass es die äußere Wirklichkeit nicht gibt. Sein Standpunkt ist unerschütterlich. Die absolute Skepsis ist die einzige uneinnehmbare Festung, die jemals gebaut werden kann, aber man muss sich darin einmauern. Barbusse steckt bis zum Halse in einer unfruchtbaren und törichten Wahrheit fest.

Barbusse

Es kann seltsam erscheinen, dass es aus dieser literarischen Vergangenheit heraus ausgerechnet dieser Verfasser wurde, der ‚Le Feu‘, diese brennende und lebendige Schilderung des Weltkrieges, schrieb. Dennoch ist das deutlich genug. Der Krieg wurde die gewaltsame Realität, die Barbusse von seinem kategorischen Verleugnungssystem wegfegte. Die Wirklichkeit besiegte ihn. Das Grauen des Krieges war so gewaltig, dass es ihn entweder umbringen musste oder ihn zur Unterwerfung zwang. Unter diesen großen und einfachen Verhältnissen, hinunter gejagt in den düsteren Malstrom der Ereignisse, kann er sich dem Dasein nicht entziehen. Er steht nicht mehr als Betrachter da, er lebt mit. Das macht ‚Le Feu‘ zu solch einem starken, einem solch gewaltigen, ja genialen Buch. Es ist eine realistische Schilderung eines halben Dutzend kämpfender Männer, aber es ist zugleich eines Mannes erste, stürmende Begegnung mit der Wirklichkeit, der Wirklichkeit, die er nicht bezweifeln kann, weil sie in ihm selber lebt. Wirklichkeit ist Wahrheit für ihn geworden.

Vergleicht man ‚Le Feu‘  mit anderen Kriegsschilderungen, dann findet man nirgendwo die scharfe Realitätsschilderung mit solch tiefem menschlichen Gefühl verbunden. …

‚Le Feu‘ ist eine Schilderung eines Trupps Soldaten. Sie vollbringen keine strahlenden Heldentaten. Sie sitzen meist im Schützengraben, wo es vor Dreck und Urin stinkt, und warten. Sie leben, von Ungeziefer geplagt, in meilenlangen Gräben. Einige von ihnen werden getötet, der Rest geht weiter. Aber hier, am Tor zum Tod, entfaltet sich das Leben. Sie sind tausende von Jahren in der Zeit zurückversetzt in die äußerst primitiven Lebensumstände, und um ihre Menschlichkeit zu retten, müssen sie sich ganz anfänglich im Dasein orientieren. Sie finden ihren Platz in der Wirklichkeit, wie der Verfasser seinen findet. Sie verstehen Dinge, die sie zuvor nie geahnt hatten. Das ist der Sieg der Menschlichkeit über die Unmenschlichkeit. Hier erfahren ihre Erlebnisse eine tiefere und wahrere Bedeutung.

Sie machen sich ihr früheres Dasein bewusst. Sie öffnen sich einander. Ab und zu ist einer von ihnen auf Urlaub zu Hause. Er kommt zurück und erzählt, was er erlebt hat. Das sind Worte aus einer anderen Welt.

Aber die brennende Frage bleibt das Verhältnis zum Krieg. Weshalb kämpfen sie? Vaterland. Aber auch der Feind kämpft für das Vaterland, aus den Schützengräben steigt der Ruf: ‚Gott mit uns!‘ und ‚Dieu est avec nous!‘ in den Himmel. Wer hat recht? Hinter der Front sitzen die Führer, die Intelligenzen und die Bourgeoisie, hier draußen töten die Völker einander. Das Dasein ist hart wie zu Beginn der Zeiten. Alle Gefahren lauern darin. Aber das ist nur deshalb, weil diejenigen, die die Macht inne haben, versagt haben. Es gibt nur zwei Arten Mensch, die, die obenauf sind und die, die unterdrückt werden. Und so, wie es im Krieg ist, so ist es auch in Friedenszeiten. Die Unterdrückten haben nur Tod und Leid, die Mächtigen, die Könige, haben alle Wonnen des Lebens. Warum die im Schützengraben hassen? Sie sind Brüder, und die Zukunft liegt in der Hand der Sklaven.

Es ist nicht mehr eine Schilderung eines Dutzends Soldaten, sondern der Bericht eines Heeres, der Menschheit selbst. Und es ist zur gleichen Zeit eine Bibel, ein Evangelium des Humanismus, das die Idee des Daseins bekräftigt. Diese Soldaten sind Menschen. Wir wissen, sie existieren. Das Buch erzählt mit dem Gewicht der Wahrheit. Sie haben dem Tod im Kriegswahnsinn ins Angesicht geschaut, und doch haben sie ihren Glauben an die Vernunft bewahrt. So muss es sein. Das Dasein ist trotz allem hell.“ (16 – 18)

Sowohl als Person als auch als Künstler als auch als Institution war Barbusse von großer Bedeutung für Kirks Werk und Schaffen. Zuallererst ist es, wie soeben gesehen, das Primat der Realität, das beide vereint und dessen Darstellungsnotwendigkeit Hans Kirk von Barbusse vorgeführt bekam. Demnach hat der Roman immer von der Wirklichkeit auszugehen, ihr haben sich Form und Stil anzupassen. Zum zweiten hatte Kirk schon damals anhand des „Feuers“ hellsichtig die Gefahr des Realismus erkannt, der leicht in Tendenz umschlagen kann: „Man darf hoffen, dass er ein Verständnis dafür hat, dass Propaganda außerhalb der künstlerischen Möglichkeiten liegt“ (19) Tendenz ist die Zentralkategorie in Kirks Schaffen: für den frühen Kirk der Kollektivromane war es ein Imperativ, dass die Tendenz „nicht aus dem Buch hervorstechen (darf) wie die Knochen aus einer mageren Mähre“[5], nach den Erlebnissen während der Besatzungszeit 1941 – 45 und Kirks Radikalisierung entsagte er bewusst immer mehr diesem artistischen Apriori zugunsten einer Politisierung und, in seinen letzten beiden Romanen, einer offenen Propaganda.

 Schließlich aber war „Das Feuer“ auch literaturhistorisch ein Meilenstein auf dem Weg hin zum Kollektivroman. Barbusse beschreibt darin das Schicksal von circa 20 Menschen, einer „Familie ohne Verwandtschaft“, die das Kriegsgeschick zu einer kämpfenden Einheit verband. Lange Passagen werden dabei aus der Gruppenperspektive beschrieben, in der ersten Person Mehrzahl. Von dort unternimmt der Erzähler Ausflüge in die Ich-Form und, wenn Einzelschicksale verfolgt werden, in die Er-Form ohne je in die allzu distanzierte auktoriale Haltung einzubiegen. Barbusse will von innen heraus erzählen, aus dem Herzen der Gruppe, aus dem Schmelzkern des Grauens. Daher auch der durchgehaltene Präsens, um das Zeitlose dieser Urerzählung zu betonen, um die innere Wirklichkeit des Krieges als unmittelbares Geschehen, nicht als abstrakte Entität, herauszuarbeiten. Das Buch lebt künstlerisch aus der Spannung von Nähe und Überblick. Dass die zahlreichen Namen meist nur Chiffren für ein Leben bleiben und kaum mit vollen Gestalten gefüllt werden können, unterstreicht die Flüchtigkeit des Zusammenseins. Sie sind alle Kameraden, nicht dank ihrer Persönlichkeit, sondern dank des gemeinsamen Schicksals. Kirk konnte hier viel für seine eigene Poetik lernen, in der Annahme und in der Distanzierung. Morton Thing schreibt: „Die Poetik, die Kirk demnach in ‚Le Feu‘ findet, ist eine Poetik, wo der Autor sich distanziert, wo er sich nicht über die Schulter des Lesers beugt um anzuzeigen, was es richtigerweise bedeutet. Der Leser sitzt mit einer psychologisch und nicht einer politisch begründeten Geschichte. Es ist ihre psychologische Wahrheit, die über ihre literarische entscheidet. Und ihre literarische Wahrheit ist entscheidend für ihre Wahrheit überhaupt. Diese literarische Strategie – des indirekten oder impliziten Erzählers – ist die erste und wichtigste Erfahrung mit dem Schreiben. Es wurde zudem der erste wichtige Baustein zu dem Roman[6], zu dem er im Laufe des Jahres 1924 die Idee bekam, aber erst in den folgenden Jahren ausführte.“ (65)

Nach dem Krieg und nach der inneren Wende – er stand zuvor dem Symbolismus nahe – betätigte Barbusse sich engagiert politisch. Die seinerzeit wirkmächtige pazifistische und antiimperialistische Clarté-Bewegung ging auf Barbusse‘ Initiative zurück und trug im Übrigen den Namen seines zweiten Kriegsromans von 1919 im Titel. Ihr gehörte zeitweise die Creme der linken europäischen Intelligenz an: Heinrich Mann, Edward Brandes, George Bernard Shaw, Upton Sinclair, Selma Lagerlöf, Stefan Zweig, Anatole France, Otto Gelsted u.a. Unter gleichem Namen erschien ab 1921 auch eine Zeitschrift in verschiedenen Ländern; der dänische Ableger wuchs von 1925 – 1927. Kirk war regelmäßiger Mitarbeiter des Monatsblatts und eine Hauptfigur der Clarté-Bewegung in Dänemark. Hauptsächlich kleine, spitze aktuell politische Beiträge leistete er, aber auch sein programmatischer Artikel „Religion und Hartkorn“ oder eine Übersetzung des Poems „Tam O’Shanter“ von Robert Burns erschien im Blatt.Clarté

Barbusse‘ Intention war es, ein zwar links orientiertes jedoch überparteiliches Sprachrohr des Pazifismus und linker Theorie zu schaffen, doch bald wurde das Organ von linksradikaler und trotzkistischer Seite okkupiert, so dass sich der Gründer zurück zog. 1928 wagte er den Schritt mit „Monde“ noch einmal und erneut gelang es ihm, namhafte Mitarbeiter zu verpflichten: Albert Einstein, Maxim Gorki, Upton Sinclair, Miguel de Unamuno u.a. Da das Blatt von der Kommunistischen Internationale finanziert wurde und diese seit Mitte der 20er Jahre immer stärker sich zum ausführenden Organ der Sowjetunion und Stalins entwickelte, war das Vorhaben der Überparteilichkeit schon von Anfang an schwierig durchzuhalten. Erneut gründete sich ein dänischer Ableger und erneut sehen wir Kirk bei den Mitarbeitern dieser Zeitschrift, die kurzzeitig ein hohes kulturelles Niveau erreichte[7].

 

Henri Barbusse: Jesus (1928)

 

Bislang unbemerkt blieb eine weitere  gemeinsame Linie, in deren Ausrichtung Kirks Werk liegt. Allerorten wird Barbusse als der Autor von „Das Feuer“ erwähnt, vielleicht auch noch seine politische Tätigkeit, aber dass der ursächlich vom Symbolismus herkommende Autor sich ein Leben lang mit der Gestalt des Religionsgründers befasste, ist weitgehend vergessen. Das Rätsel der Existenz Gottes beschäftigte schon den jungen Barbusse; das Thema nahm er Ende der 20er Jahre noch einmal auf und schuf gleich drei Werke dazu: ein Evangelium, eine theologische Schrift und ein Theaterstück. Vor allem die ersten beiden könnten auf Kirks Schaffen deutlich eingewirkt haben und wenn dem so ist, dann müsste das sich an dessen eigenem Jesus-Roman „Vredens Søn“ nachvollziehen lassen. Allein schon der Fakt, dass beide sich in literarischer Form dem Christus widmen, scheint bedeutsam. Wir wissen, dass der Däne schon als junger Mann das Schaffen des Franzosen intensiv verfolgte und es ist kaum anzunehmen, dass ihm, der Sprache kundig und seit je von den religiösen Fragen gebannt und bibelfest, diese eminenten Werke entgangen sein sollten. Und bedeutend sind diese Arbeiten, auch wenn sie seinerzeit nur wenig Aufsehen erregten und seither vergessen scheinen. Man war und ist offensichtlich verunsichert, von einem als „kommunistisch“ geltenden Intellektuellen, von einem Kriegsschriftsteller, einem Chronisten des Grauens, einen genuinen Beitrag zur religiösen Frage vor sich zu haben.

In „Jesus“ schuf Barbusse ein Jesus-Evangelium, das einige Kritiker mit Nietzsches Zarathustra verglichen hatten. Unterschiedlicher können zwei Texte allerdings nicht sein. Barbusse‘ in der Ich-Perspektive wiedergegebene Autobiografie Jesu kommt gänzlich ohne Pathos aus und will die Religion aus einem anti- und nicht überreligiösen aus einem primär menschlichen- und nicht übermenschlichen Impuls erklären. Jesus ist ein einfacher Mann mit einfachen, arbeitenden Eltern, freilich sensibel und mit Hang zum Beobachten, Denken und Hinterfragen, der sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlt. Ein Gott hat in seinem Weltbild keinen Raum; er enttarnt Gott als menschliche Projektion. Alles geht vom Innen zum Außen: wer an sich glaubt, der kann geheilt werden! Der geheilte Lahme „glaubte, dass ein göttlicher Atem in ihn gekommen sei, während er doch aus ihm gekommen war. Denn er kannte die Richtung der Wahrheit nicht“ (89) Einen personalen Messias kann es daher nicht geben, auch dieser muss ins Innen verlegt werden: „Der Messias ist der Geist und der Geist ist in uns.“ (96) Eine Umwertung der Werte und Worte Jesu, wie wir sie aus der christlichen Tradition kennen. Dabei bedient sich Barbusse immer wieder biblischer, apokrypher und gnostischer Quellen, flicht Originalsequenzen unmerklich ein. Insofern versucht er historisch korrekt zu sein. Einige Male aber verlässt er auch den Boden der Faktizität, am deutlichsten, wenn er das Damaskuserlebnis als direkte Konfrontation von Jesus und Paulus – die sich historisch nicht begegnet sein können – darstellt. Paulus entlarvt sich in diesem Gespräch als eifernder Religionsstifter, der Jesu Botschaft nur verformt und instrumentalisiert zu nutzen weiß. Auch von den Zeloten und ihren spontanen Aktionen distanziert sich Jesus. Als er schließlich das Scheitern seines Kommens begreift, entschließt er sich  durch das Selbstopfer dem Prozess des absehbaren Missbrauchs zu entgehen, nur fern ahnend, dass genau dies die Bedingung für den späteren Wiederauferstehungsgedanken werden sollte.

Nicht immer kann das Buch, das einige wunderbare Gedanken und Sätze enthält, künstlerisch überzeugen, an einigen Stellen bleibt es dunkel und vage an anderen wirkt es hölzern und zusammengefügt, vor allem aber dürfte sich Barbusse darüber im Klaren gewesen sein, dass ein „Evangelium“ aus seiner Feder mehr Verunsicherung als Zustimmung hervorrufen musste.  Daher plante er von Anfang an, ihm ein theoretisches Werk an die Seite zu stellen, das „die Dokumente, die Fingerzeige und Gründe“ offenlegt, „die mich geführt haben bei meinem Versuche, in die wirkliche Vergangenheit zurückzugehen und Jesus zu begegnen, dem Menschen, der am göttlichsten Mensch war und der mehr als jeder andere den Menschen verstanden, aufgestellt und gerichtet hat.“ (7) „Die Judasse Jesu“ – das Buch kursiert auch unter dem Titel „Die Verräter Jesu“ – ist ein theologisches Schwergewicht und muss bis heute als wesentlicher Beitrag zur Jesuforschung, oder besser Entmythologisierung Jesu, gesehen werden. Wenn man die antiken und biblischen Schriften absucht, dann bleibt von einer realen Jesusgestalt nicht viel übrig. Trotzdem glaubt Barbusse, „dass in der Tat irgendwer gelebt hat, ein recht unbekannter jüdischer Prophet, der lehrte und gekreuzigt wurde.“ (80) Der Jesus in den Evangelien ist ein Kompositum aus dem „Messias des Alten Testaments, des griechisch-syrischen Christ der neuen Religion und dem der reichen wirklichen Person, die eine neue Lehre verkündete und zu der angegebenen Zeit gekreuzigt wurde.“ (95) Nur der letzte Teil hat Realcharakter, aber dieser ist für uns nahezu verschwunden. Man muss dennoch zwischen der theologischen Kategorie „Christus“ und dem real-existierenden und revolutionären Jesus unterscheiden. „Wer die Evangelien mit loyalem ernst liest, wird durch hundert Details davon überzeugt, dass die Person, deren Schritten man folgt und deren Echo man nachgeht, alles von einem Menschen und nichts von einem Gott hat.“ (132) Doch dieser Mensch wurde von Paulus und den Aposteln, später vom römischen Staat und der Kirche gekidnappt und entführt. Statt wie Jesus an den eigenen Geist zu glauben, verführen sie die frühe Christengemeinde zum Glauben an Jesus und durch ihn an einen außenstehenden Gott von dem alles Heil zu erwarten sei. Für Barbusse‘ Jesus ist der Glaube „der Willensakt des Geistes, der definitiv die Wahrhaftigkeit dessen, was der Geist will, bestätigt; er ist das wesentliche Vertrauen in die Ersichtlichkeit, und das überströmende Vertrauen, welches die Kreatur über sich hinaus reißt; die impulsive Gerade vom Innen zum Außen …“ Es ist also der Glaube an sich selbst, der erlöst und heilt oder in Barbusse griffiger Formel: „Der Beter erhört das Gebet.“ (177) Auf gut Deutsch: Sei dir selbst deiner Stärke bewusst. Jesus wird damit zum Begründer, das Neue Testament zum Gründungsdokument, eines sozialen Gewissens überhaupt (vgl. 226). Barbusse betont dabei wiederholt, dass dies kein weltanschaulich motivierter Schluss sei, sondern ihn seine Studien und Überlegungen ihn zu diesem „atheistischen“ Jesus führten und im Übrigen schon lange vor seinen Kriegserlebnissen und damit vor seiner ideologischen und künstlerischen Kehrtwende.

 

Auf Kirk jedenfalls, der sich parallel dazu ebenfalls mit dem Thema der Religion befasste, mussten diese Gedanken sehr inspirierend wirken. Bis in seine späten Jahre verfolgte er die theologische Diskussion. So schreibt er 1960 etwa, zwei Jahre vor seinem Tode, in einer Besprechung von Johannes Sløks Buch „Kristen moral før og nu“ just vom „Aufrührer und Proletarier“ Jesus, vom „Klassenkämpfer, der die Armen von den Plagen des Reichtums und der Ausbeutung befreien wollte“[8]. Literarisch hatte er einem solchen Jesus in „Vredens Søn“ (1950) ein Denkmal gesetzt. Die Anleihen bei oder Parallelitäten zu Barbusse sind offensichtlich. Bei beiden muss sich Jesus zwischen den aktionistischen Anforderungen der Zeloten und der apostolischen Zumutung der Verherrlichung hindurch lavieren, wobei Kirk im Zeloten Simon die historische Kraft verwirklicht sieht, während er das anarchistische Potential des Berufsverbrechers Gaal ablehnt. Sein Jesus scheitert letztlich ja auch aufgrund seiner eigenen Unentschlossenheit. Kirks Jesus hat den sozialen Aufstand initiiert ohne ihn zu führen, Barbusse Jesus führt ihn, ohne ihn unmittelbar zu initiieren, bis zur privaten Endkonsequenz. Die Wesensübereinstimmung zwischen beiden besteht in der Anerkennung des Revolutionärs Jesus, der eben nicht meinte, man solle die andere Wange hinhalten oder dem Kaiser geben, was des Kaisers sei – derartige Aussagen wurden falsch tradiert oder falsch verstanden. Nicht ein vages Liebes-Ideal habe ihm vorgeschwebt, sondern die Gerechtigkeit sei seine höchste Kategorie gewesen. Es mag genügen, einige Zentralaussagen bei Barbusse zu zitieren, um die inhaltliche Nähe aufzuzeigen. Kirk jedenfalls dürfte genickt haben, als er las:

„Im Reich des aktiven Gedankens und der Tat schafft er reines Feld für die persönliche Anstrengung. Er greift die grundsätzliche Ungerechtigkeit des irdischen Reichtums an –, der von außen kommt, wie die willkürliche Herrschaft der Könige. All das ist in der gleichen Richtung gedacht. Die Reform, die er bringt, ist von moralischer, menschlicher und volksmäßiger Ordnung.“ (85)

„… dass der von Jesus verkündete innere Gott eine Vergöttlichung des Menschen ist und dass nichts uns berechtigt anzunehmen, dass er mehr sei. Jesus zeigt sich als einer der saubersten und kategorischsten unter den Denkern, die versucht haben, aus dem Material des Innen und nicht aus dem Material des Außen eine Lehre zu bauen.“ (149)

„Jesus spricht gegen die Reichen, weil der Reichtum etwas Äußeres und auf Ungerechtigkeit gegründet ist. Der Vorzug des Reichseins fällt von oben wie ein Zufall auf die Menschen; er hat nicht die Richtung der Wahrheit, die aus dem einzelnen selbst entspringt. Er zerpflückt die Symmetrie der Gerechtigkeit.“ (199)

„Denn die wahre Bedeutung des Ausspruches: ‚Euer Reich ist nicht von dieser Welt‘ ist weiter und einfacher, als man gemeinhin annimmt; es stellt das, was ist, in den Gegensatz zu dem, was sein sollte. Der Ausspruch will sagen: Diese Welt ist zu eurem Ideal nicht geeignet. Weit davon entfernt ein Befehl zum Verzicht zu sein, ist er vielmehr ein Befehl zum Angriff und zum Kampfe: Ihr könnt euer Reich nicht verwirklichen, wenn ihr die Welt so lasst, wie sie ist; ihr seid entrechtet! Jesus unternimmt das Gericht über die Welt des Anscheins und der Heuchelei. Er legt dem Gläubigen die Pflicht auf, den Widerspruch zwischen der zeitlichen Wirklichkeit und der Wahrheit zu beheben: den Widerspruch zwischen der Welt und dem Himmelreich.“ (207)

„… denn es war vielmehr ein soziales als ein religiöses Werk, was damals die ersten Christen versuchten, indem sie ihren menschlichen, hingeschlachteten Gott über die Erde hoben … Es war sogar ein antireligiöses Werk, das die alte in der alten Ordnung verwurzelte Religion untergrub.“ (301)

„Wie man in der Himmelfahrt des Isajas liest: ‚Der Auserwählte wird aufsteigen, um zu richten und zu vernichten die Fürsten, die Engel und die Götter dieser Welt, die miteinander sich schlagen und sich einander bestehlen, und die Welt, die von ihnen beherrscht ist.‘ Aber der Auserwählte wird weder ein vorbestimmter Mensch sein, noch ein Engel, noch ein auserwähltes Volk, sondern das Volk selbst.“ (326f.)

Sondern das Volk selbst – das ist wortwörtlich die quintessenzielle Aussage von Kirks Jesus-Roman!

 

Aber es gibt auch mögliche formale Anleihen, die sich in der klassischen Bibelliteratur nicht finden. Kirk lehnte es zum Beispiel ab, die Juden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich zu machen und setzte dafür die Römer ein – ein Gedanke, dessen Kohärenz Barbusse in seiner Studie breit begründet. Oder er konfrontierte Jesus, ähnlich Barbusse, direkt mit den Zeloten und den Essenern. Und schließlich könnte sein besonderes Interesse für die Figur Judas, die notwendig war, durchaus von Barbusse‘ häretischer Einsicht angefeuert worden sein: „Die wahren Verräter Jesu waren nicht der sogenannte Apostel Judas, sondern alle die, welche sich des Titels Apostel bemächtigt haben.“ (180)

 

 

 

Literatur:

Barbusse, Henri: Briefe von der Front. Leipzig 1987

Barbusse, Henri: Das Feuer. Tagebuch einer Korporalschaft. Berlin 1967

Barbusse, Henri: Jesus. Leipzig/Wien 1928

Barbusse, Henri: Die Judasse Jesu. Leipzig Wien 1928

Kirk, Hans: Det borgerlige frisinds endeligt. Essays og artikler. København 1978

Kirk, Hans: Litteratur og tendens. Essays og artikler. København 1974

Kirk Hans: Vredens Søn. København 1950

Seidel, Jörg: Spielen wir eigentlich Schach oder Krieg? Zur Bedeutung des Schachspiels im Werke Arnold Zweigs. Rostock 2006

Sløk, Johannes: Kristen moral før og nu. København 1975 (1959)

Thing, Morton: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. København 1997

Vidal, Annette: Henri Barbusse. Soldat des Friedens. Berlin 1955

Zweig, Arnold: Einsetzung eines Königs. Berlin und Weimar 1984

Zweig Arnold: Früchtekorb. Jüngste Ernte. Aufsätze. Rudolstadt 1961

 

© Text und Übersetzungen Jörg Seidel

 

 

 

 



[1] Früchtekorb, S. 144

[2] Ausführlicher dazu: Seidel, Jörg: „Spielen wir eigentlich Schach oder Krieg?“

[3] Børge Houmann in: Vorwort zu „Litteratur og tendens“ S. 7

[4] Zwei frühe Romane Barbusse‘

[5] Litteratur og tendens, S. 83

[6] Gemeint ist der erste Kollektivroman „Die Fischer“

[7] Zu „Clarté“ und „Monde“ vgl. Morton Thing und Annette Vidal

[8] Kristendom og Moral. In: Litteatur od tendens.. Essays og artikler. S. 212