Reymont: Die Bauern (1904 – 1909)

 

Im August 1928 wurde Kirks erster Roman im Gyldendal-Verlag angenommen. 1000 Kronen wurden für 1500 Exemplare angeboten. Offensichtlich ahnte noch niemand, dass man hier einen kommenden Welterfolg und das sich am häufigsten in Dänemark verkaufende Buch aller Zeiten in den Händen hielt. Man kann darüber spekulieren, ob das Buch unter anderem Titel ebenso erfolgreich gewesen wäre oder ob diese präzise, konkrete und nahezu hart klingende Benennung einen eigenen Beitrag zum Erfolg leistete. Tatsächlich hatte Kirk das Werk nicht als „Fiskerne“, sondern als „Roman om fiskere“ eingereicht. Ursprünglich fehlte also der bestimmte Artikel, den die skandinavischen Sprachen wie einen Suffix behandeln und damit eine im Deutschen nicht wiederzugebende Straffung erreichen. Als „Roman über/um/von Fischer(n)“, oder „Fischerroman“ im weiteren Sinne, hätte man den Titel übersetzen können. Verlagsseitig war man damit nicht zufrieden, und so schlug Kirk „Fiskerne“, also „DIE Fischer“ vor, nicht ganz zufrieden damit: „Ich bin über einen allzu romantischen Titel nicht glücklich“, schrieb er an den Verlag und verwies auf die offensichtliche Nähe des großen und 1924 nobelpreisgewinnenden Romans „Die Bauern“ von Reymont.[1] Kirk kannte demnach das Buch; sollte es ihn beeinflusst haben, dann entweder aus der schwedischen (1924), englischen (1924) oder französischen (1925) Übersetzung oder aus der erst 1927 erschienen dänischen – da war sein Roman freilich schon fast fertig. Er gab damit indirekt die Vergleichbarkeit, auch den künstlerischen Bezug zu, auf den man besser nicht ausdrücklich hinweist und von dem er sich dann distanzieren wollte.

Reymonts Epos wiederum war eine Reaktion auf Zolas „Die Erde“. Zola hatte das Bauernmilieu studiert, Reymont aber entstammte ihm, hatte einen Großteil seines Lebens darin verbracht. Zolas quasi-animalischer Blick auf den Bauern, seine kalte Sezierkunst, die Hervorhebung des Unmenschlichen in diesen Menschen, regte Reymonts Widerspruch. Dem literarischen Autodidakten konnte die studierte Analyse nicht zusagen. Auch seinem Naturell widerstrebte die verkopfte und streng systematische Herangehensweise: Reymont war ein sensualistischer Mensch, davon zeugt fast jede Zeile, ein großartiger Beobachter, mit wachem Blick und Gehör, aber viel weniger ein durchdenkender Autor. Waren es bei Zola Geiz, Gier und Neid, schicksalhafte Verquickung mit Boden und Blut, so ist bei Reymont der Stolz das tragende Element, nicht vorwiegend der nationale Stolz, der die polnische Literatur seit Jahrhunderten belastet, sondern der bäuerliche Stolz, der freilich auch aus der Verwurzelung in Land, Boden und Besitz erwächst.

Von ihm konnte Kirk das hohe Ideal der Objektivität lernen und bewundern, aber auch den natürlichen Selbstbehauptungswille eines eigenen Menschenschlags. Bei Kirk emanzipieren sich die Figuren sogar noch weiter von ihren animalischen Instinkten, denn auch wenn Reymont ein positiveres Bild vom Bauern zeichnen wollte, so erschrickt zumindest der heutige Leser vor den Auswüchsen an Gewalt, menschlicher Brutalität und Trunksucht. Hier könnte eine Affinität zur russischen Literatur, zu Gorki im Besonderen, eine Rolle gespielt haben. Die Handlungen dieser Menschen sind noch immer ganz nah an den Affekten, diese de facto katholischen, oft aber in heidnischem Brauchtum befangenen Geschöpfe haben Impulse unmittelbar ausagiert, die libidinösen inbegriffen; Liebe und Hass regieren, Schattierungen sind selten. Darüber hinaus hat das Buch hohen konservatorischen Wert, werden doch Bräuche, Traditionen, Riten ausgiebig beschrieben: die Frauen bei Kerzenlicht, Handwerk und Liedgut versammelt, die Kostüme, die Feste, die jahreszeitlichen Abläufe … Ähnlich wie bei Kirk, dürfte sich der Großteil des Erfolges im eigenen Land just aus dieser identifikatorischen Schwere ergeben. Wer wissen will, was Dänemark oder Polen ausmacht, wer die „Seele“ des Landes erhaschen will, der ist bei Kirk und Reymont bestens bedient.

Ferner könnte Kirk litertaturtechnisch von Reymont beeinflusst gewesen sein. Auch Reymont versuchte eine Großzahl an Personen zu einem organischen Gebilde zu verbinden, das Schicksal jeder einzelnen Figur dabei aufmerksam verfolgend. Dass Reymont bei vergleichsweise geringem Handlungsverlauf das Fünffache des Umfangs benötigte um dieses Personenpanorama zu beherrschen, spricht für die hohe künstlerische Potenz der Kirkschen Kollektivroman-Technik. Da Kirk sich selbst in der Tradition der Bauernliteratur sah (Aakjær, Skjoldborg, Pontoppidan, J. V. Jensen, Nexø et.), musste es ein Interesse am Sujet geben, keine Frage. Stilistisch findet sich bei Reymont – wie übrigens auch schon bei Hamsun – ein Mittel vorgeformt, das Kirk in seinen drei großen Kollektivromanen intensiv nutzte: die lokale und dialektale, grammatisch und lexikalisch oft inkorrekte Sprache, die aber nicht nur den Figuren zugeordnet wird, sondern, wohl temperiert, auf den wirksamen Auftritt wartend, und in Abhängigkeit der Aussageabsicht, auch in den narrativen, in den Erzählerbereich hineinragt. Das schafft eine beeindruckende Steigerung an Authentizität, der Leser bekommt den Eindruck, den Geschehnissen von innen her beizuwohnen.

 

 

Literatur:

Reymont, Wladyslaw Stanislaw: Die Bauern.

Thing, Morton: Hans Kirks mange ansigter. En biografi. København 1997

 

 ©Text und Übersetzungen Jörg Seidel

 

 

 



[1] Vgl. Thing S. 90