Émile Zola: Die Erde (1887)

„Es blieb ihm nur ein lebhaftes, anhaltendes Empfinden: die Erde, die Erde, die er so sehr begehrt, so sehr besessen hatte, die Erde, der er sechzig Jahre lang alles gegeben, seine Glieder, sein Herz, sein Leben, die undankbare Erde war in die Arme eines anderen Mannestieres hinübergewechselt und brachte weiter Erträge, ohne ihm seinen Anteil aufzuheben!“

 

Aller moderner Realismus, ganz gleich, ob er sich dazu bekennt oder nicht, steht in der Schuld Zolas. Auch Hamsuns oder Kirks Kollektivromane haben die großen, komplexen Werke des Franzosen zum gemeinsamen Vorfahren. Insbesondere der 15. Roman des 20-teiligen Zyklus „Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich“, der Bauernroman „Die Erde“ dürfte hierbei eine besondere Rolle gespielt haben.

Wie nie zuvor legt dieses überreiche, derbe, direkte Erzählwerk die bäuerliche Seele, ihre Fühl- und Geisteswelt, offen. Hier wurde zum ersten Mal literarisch und ohne Mystifikation evident, was dies alles bedeutet: Boden, Besitz, Geld, Heimat, Blut, Familie, Tradition – alles tief verankert, über Generationen, wesenhaft ohne eigentlich reflektiert zu werden. Wer den quasi-natürlichen Konservatismus des Bauern, der sich nicht über eine einzige Generation austreiben lässt, verstehen will, der kommt an Zola nicht vorbei. Er spricht von Individuen, die über Jahrhunderte agieren, einen „jahrhundertealten Hass“  in sich tragen, oder eine dreihundert Jahre alte Identität beanspruchen. Man hätte sich Lenin und Stalin als fleißige und verstehende  Zola-Leser gewünscht, großes Leid hätte verhindert werden können. Zola beschreibt die Menschen wie ein Anthropologe, ja, wie ein Zoologe, wie Tiere. Sie kennen scheinbar nur den animalischen Trieb und dessen unmittelbare Befriedigung, sie schrecken auch vor dem Verbrechen nicht zurück, um ihre primären Bedürfnisse zu befriedigen. Besitzlosigkeit ist Wertlosigkeit, der Fremde ist stets suspekt. So verschweigt die junge Francoise das an ihr von ihrer Familie begangene hinterhältige Verbrechen vor ihrem eigenen Mann Jean, weil dieser ein Zugewanderter, ein Fremder ist und der Familienzusammenhalt viel tiefer im Blut wallt: „ein Mann aus einer anderen Gegend, der woanders gewachsen war, man wusste nicht wo, ein Mann, der nicht dachte, wie die Leute aus Rognes dachten, der ihr anders gebaut zu sein schien, von dem zu ihr keine Bindung möglich war, obwohl er sie schwanger gemacht hatte“ (476), obwohl er der einzige Mensch in ihrem kurzen Leben war, der ihr jemals so etwas wie Liebe entgegengebracht hatte. Eher schickte sie ihren Mann in die Armut.

Als Zola für diese drastische Sichtweise kritisiert wurde, da konnte er sich auf die Objektivität berufen: „Warum tut man so, als wolle ich die Elenden verunglimpfen? Ich hatte nur den einen Wunsch, sie so zu zeigen, wie unsere Gesellschaft sie gemacht hat …“[1]. Bei diesem Projekt, die Menschen so zu zeigen, wie sie die Gesellschaft gemacht hat, stehen Zola und Kirk auf der gleichen Seite.

Mindestens drei Schnittpunkte lassen sich ausmachen:

Immer wieder beruft sich Kirk auf den „bonderoman“, den Bauernroman, wenn er sich in eine Tradition einordnen soll, nur denkt er dabei vornehmlich an die nationale Tradition – Skjoldborg, Aakjær, Nexø, Johannes V. Jensen, Jacob Knudsen sind die Namen, die dabei immer wieder fallen, aber auch die mussten sich an Zolas „Erde“ messen lassen.

Die naturalistischen Errungenschaften, die Thematisierung des einfachen und einfachsten Volkes, die Nutzung traditioneller, lokaler, dialektaler Eigenheiten, die oftmals entemotionalisierte Vivisektion der Zustände, die Aufgabe der zu dominanten und bewertenden Erzählerrolle, die Einbettung in den konkret-historischen Zusammenhang, das soziale Bewusstsein …, all das musste sich Zola neu erobern und aus diesem Fundus konnte sich dann bedient werden.

Und schließlich ist es „Die Erde“, wo Zola am deutlichsten versuchte, die gestalterische Sukzession zugunsten einer neuen Komplexität abzulösen, also den Weg vieler Personen zeitgleich darzustellen und die innere Entwicklung der zwischenmenschlichen Relationen offen zu legen. Damit wurde er zu einem der Urväter des sogenannten Kollektivromans.

 

Literatur: Zola, Émile: Die Erde. Berlin (Ost) 1964

©Text Jörg Seidel

[1] Gerhard C. Gerhardi: Realismus und Naturalismus in Frankreich. In: Propyläen Geschichte der Literatur Band 5, S. 221