Upton Sinclair: The Jungle (1906)

 

Dass Kirks Kollektivromane in der Schuld der naturalistischen und sozialkritischen Tradition stehen, auch wenn man sie selber wohl kaum in diese Kategorie problemlos wird einordnen können, dürfte unbestritten sein.

Eines der herausragenden Werke dieser Schule ist Upton Sinclairs „The Jungle“ von 1906. Kirk hielt es zwar für „ein Buch von mittelmäßigem literarischen, aber umso größerem politischen Wert“, denn es sein „ein Buch mit Schlagkraft“[1]. Wer diese zutiefst ergreifende Geschichte des jungen litauischen Arbeiter-Hünen Jurgis Rudkus, der mitsamt seiner Großfamilie und ohne Vorstellung, ohne Sprachkenntnisse, aber mit umso größerer Hoffnung in die Vereinigten Staaten kam, um dort sein Glück zu machen, kennt, wird sie schwerlich wieder vergessen können. Zu eindrücklich die Bilder aus den Chicagoer Schlachthöfen, die Tag für Tag zigtausende Tiere unter unsäglichsten Bedingungen brutal abschlachten, kaum hygienische oder ethische Grundstandards dabei einhaltend, zu einprägend das Elend der Menschen und der nahezu gesetzmäßige qualvolle Untergang dieses Mannes, begleitet von Tod, Krankheit, Elend, Dreck, Verbrechen, Gewalt. Nachdem Jurgis durch alle Täler der Tränen hindurch ist, fast schon gebrochen, findet er, als letzter Überlebender seines Clans, in der Arbeiterbewegung ein neues Zuhause und endlich ein wirkliches Ziel im Leben.

Sinclair darf für sich in Anspruch nehmen, eines der wenigen Bücher der Literaturgeschichte geschrieben zu haben, die tatsächlich weitumfassende politische und ökonomische Veränderungen zur Folge hatten. Zwar hatte er auf das Herz der Gesellschaft gezielt und den Bauch getroffen, wie er einmal sagte, aber wenn sein Werk auch keine gesellschaftliche Revolution zur Folge hatte, so doch eine industrielle, insbesondere die Nahrungsmittelindustrie betreffend. Noch heute ist das Buch ein Standardtext des Vegetarismus und der Tierbefreiungsbewegung.

Auch in der sozialbewussten Literatur ging, trotz mancher künstlerischer Mängel und einer gewissen Formlosigkeit, seither nichts mehr an diesem Meilenstein vorbei. Erst John Steinbeck gelang mit „The Grapes of Wrath“ dreißig Jahre später ein kongeniales Werk.

Selbst zu Kirks Jesus-Bild, festgeschrieben in „Vredens Søn“ könnte man Parallelen ziehen, liest man etwa folgende Zeilen:

"Well, then," cried Lucas, "and why should Jesus have nothing to do with his church--why should his words and his life be of no authority among those who profess to adore him? Here is a man who was the world's first revolutionist, the true founder of the Socialist movement; a man whose whole being was one flame of hatred for wealth, and all that wealth stands for,--for the pride of wealth, and the luxury of wealth, and the tyranny of wealth; who was himself a beggar and a tramp, a man of the people, an associate of saloon-keepers and women of the town; who again and again, in the most explicit language, denounced wealth and the holding of wealth: 'Lay not up for yourselves treasures on earth!'--'Sell that ye have and give alms!'--'Blessed are ye poor, for yours is the kingdom of Heaven!'--'Woe unto you that are rich, for ye have received your consolation!'--'Verily, I say unto you, that a rich man shall hardly enter into the kingdom of Heaven!' Who denounced in unmeasured terms the exploiters of his own time: 'Woe unto you, scribes and pharisees, hypocrites!'-- 'Woe unto you also, you lawyers!'--'Ye serpents, ye generation of vipers, how can ye escape the damnation of hell?' Who drove out the businessmen and brokers from the temple with a whip! Who was crucified--think of it--for an incendiary and a disturber of the social order! And this man they have made into the high priest of property and smug respectability, a divine sanction of all the horrors and abominations of modern commercial civilization! Jeweled images are made of him, sensual priests burn incense to him, and modern pirates of industry bring their dollars, wrung from the toil of helpless women and children, and build temples to him, and sit in cushioned seats and listen to his teachings expounded by doctors of dusty divinity--" (407)

 

Upton Sinclair: The Jungle. Simon & Schuster, New York 2009

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel



[1] En sørgelig Upton Sinclair. In: Litteratur og tendens, S. 179