John Steinbeck: The Grapes of Wrath (1939)

 

Im Jahr der „Neuen Zeiten”, 1939, erschien in den USA ein Buch, das in Anlage, Intention und Wirkung nur mit einem Werk verglichen werden kann, mit Upton Sinclairs „Jungle“ von 1906. Man kann es sogar als Komplementärwerk begreifen, denn wie Sinclair die Zustände von Industrie und Großstadt im Osten der USA beschreibt, so widmet sich Steinbeck der Landwirtschaft, dem Landleben im Westen der Union.

Mit naturalistischer Gründlichkeit portraitiert er anhand der Familie Joad die durch die kapitalistische Technisierung und durch die Wirtschaftskrise verursachte Enteignung der massenhaft vertriebenen Kleinbauernschicht des mittleren Westens. Den ökonomischen und politischen Zusammenhängen macht- und verständnislos ausgeliefert, verlassen sie ihr Land, das Land ihrer Ahnen, an dem alle Tradition, alle Erinnerung, alles Herz hängt und suchen eine neue Existenz im versprochenen Paradies Kalifornien. Skrupellose Spekulanten verheißen Arbeit und Wohlstand, tatsächlich aber erwarten sie Arbeitslosigkeit, Hunger, gnadenlose Ausbeutung, Demütigung und die Verachtung der einheimischen Bevölkerung. Wie aus Verelendung Fremdenhass entsteht, kann man nirgendwo besser studieren. Akribisch beschreibt der spätere Nobelpreisträger Steinbeck die Qualen der langen Reise, die Ängste und die vielen Tiefschläge und Enttäuschungen und – darauf kommt es ihm am meisten an – was dies aus den Menschen und aus dem Land macht. Am Ende scheinen sie trotz Aufbringung aller Kräfte alles verloren zu haben, die Familie zerbricht, die entwurzelten Großeltern flüchten sich bald in den Tod, der Tochter Kind ist eine Totgeburt, Sohn und Schwiegersohn laufen davon, und Tom, ehemaliger Häftling „on parole“ muss vor der Polizei fliehen, nachdem er einen Sheriff im Streit erschlagen hat. Er ist – ein wenig dem Cilius Hans Kirks vergleichbar – derjenige, der zur politischen Einsicht kommt und sein Leben voll der Sache widmen wird. Seine Mutter, die starke Frau des Buches, mit zu Tora („Die Tagelöhner“) oder Mariane („Die Fischer“) vergleichbaren Zügen, hält mit ihrer weiblichen Weisheit alles zusammen. „An‘ that’s one more thing a woman knows. I noticed that. Man, he lives in jerks … Woman, it’s all one flow. Like a stream. Little eddies, little waterfalls, but the river, it goes right on.” (448)

Wenn man von allen nationalen und künstlerischen Eigenheiten abstrahiert, dann beschreiben Kirk und Steinbeck – der mit „Of Mice and Men“ zwei Jahre zuvor schon seinen eigenen Tagelöhner-Roman veröffentlicht hatte – zur selben Zeit, in einer Art Parallelaktion, die offensichtlich der „Zeitgeist“ hervorbringt, die gleiche Geschichte: die politische Bewusstwerdung des einfachen Arbeiters durch Erfahrung im Zuge der drastischen gesellschaftlichen Veränderungen und es kann nicht wundern, wenn sie zu vergleichbaren Ergebnissen kommen. Zwar wählt Steinbeck die traditionelle naturalistische Erzählform, die er freilich durch stark „propagandistische“ Aufklärungskapitel mit zum Teil wunderbar philosophischen Stellen bricht, aber sein großangelegtes Personenpanorama und die Verfolgung und Verwobenheit der Einzelschicksale hat seinem Hauptwerk zurecht die Bezeichnung einer „Kollektiv-Tragödie“ eingebracht.

Aber Kirk und Steinbeck sind sich auch auf emotionaler Ebene nahe, vereint durch den Zorn, ein Zorn, der sich in „Vredens Søn“ und „Vredens Druer“, wie das Werk auf Dänisch heißt, auf den biblischen Zorn beruft und also sich als Statthalter der gesamten Zorngeschichte der westlichen Welt begreift. In beiden Büchern geht dieser Zorn auf den geneigten Leser über, fühlt er sich eins mit den Figuren: „…and in the eyes of the hungry there is a growing wrath. In the souls of the people the grapes of wrath are filling and growing heavy, growing heavy for the vintage.” Wie effektiv, das beweist nicht zuletzt die starke initiale Abneigung der bürgerlichen Kritik.

Bei beiden spielen die mystischen Kräfte „Arbeit“ und „Brot“ eine tragende Rolle und beide deuten die Macht von Organisation und Zusammenhalt an: „This is the beginning – from ‚I‘ to ‚we‘. If you who own the things people must have could understand this, you might preserve yourself. If you could separate causes from results, if you could know that Paine, Marx, Jefferson, Lenin were results, not causes, you might survive. But that you cannot know. For the quality of owning freezes you forever into "I", and cuts you off forever from the ‘we’” (161f.).

Literatur: John Steinbeck: The Grapes of Wrath (1939). Pan Books Ltd, London 1975

 

©Text und Übersetzungen Jörg Seidel