Abends liege ich voller Sorgen und denke an unsere Stadt, mit ihrem Staub und Matsch, ihrer Hässlichkeit und Armut und Sauferei und Schlägerei. Sie ist nicht halb so schön, aber sie ist voller richtiger Menschen.

 

Das Buch ist falsch herum komponiert und wirkt etwas stillstehend; ich war mir die gesamte Zeit klar darüber, aber aus mehreren Gründen nicht in der Lage, das Manuskript umzuarbeiten. Nun muss es gehen, wie es eben kann, mit diesem Buch, aber das nächste Mal werde ich sicher den Stoff fester anpacken. (Hans Kirk über „Die Fischer“)

 

Es darf nie vergessen werden, dass die Wirklichkeit der Stoff ist, mit dem die Literatur arbeitet, die Voraussetzung für jede menschliche Aktion. Es ist die besondere Aufgabe der Literatur, das gesamte Dasein in einen anschaulichen Zusammenhang zu bringen.

 

Kunst kann man nicht konstruieren, sie muss organisch wachsen. Die Form, so durchdacht und revolutionär sie auch sei, schafft nie eine neue Kunst, aber der frische, neu erlebte Stoff kann das schaffen. Man muss den Stoff suchen und sich vorläufig nicht um die Form kümmern. Die wird die Zeit schon noch zurecht schleifen.

 

Ich glaube, man sollte nie mit der Form beginnen, wenn man sich der Literatur nähert, weder wenn man sie schreibt noch wenn man sie liest. Auf den Inhalt kommt es an. Der Inhalt ist es, der in eine Form gekleidet werden soll und der Inhalt hat es in der Regel so, dass er sich selbst seine Form sucht.

 

Keine Form ist in sich selbst revolutionär. Es ist der Inhalt, der über den Charakter eines Kunstwerkes bestimmt.

 

So sicher wie die Literatur ihre soziale Funktion hat, so entschieden hat sie ihren selbständigen Wert. Kunst muss anschaulich sein und die Tendenz darf nicht aus dem Buch herausragen wie die Knochen aus einer mageren Mähre. Das Ziel des Literaturkritikers ist es nicht, die Bücher, die eine Tendenz haben, welche er nicht leiden mag, niederzumähen, sondern zu untersuchen, welche Aufgabe sich der Künstler gestellt und wie er sie gelöst hat. Er kann auch nicht einfach ein Buch akzeptieren, nur weil dessen Tendenz ihm zusagt. …

 

Es ist seltsam, dass man in unseren Tagen so ängstlich vor tendenziöser Literatur ist. Als ob man sich überhaupt ein Werk denken könnte, das nicht propagiert. Jedes Werk muss Ausdruck für ein Erlebnis oder eine Anschauung sein und von der Lust, andere zu überzeugen, getragen werden.

 

Alle Literatur ist tendenziös. Die neutrale Literatur, die reine Kunst oder wie man sie nennen will, ist konservativ, insofern sie eine soziale Grundlage hat.

 

Neutral ist nur der Tote in seinem Grab. Literatur lebt in der Zeit und muss Stellung zu ihrer Zeit beziehen. Sie kann sich nicht daran erfreuen, außen vor zu sein, wie der Lehrer, wenn die Jungen sich schlagen.

 

Es liegt auch eine Gefahr in der allzu groben Betonung des Sozialen in der Kunst. Man kommt leicht – wie im alten Materialismus – dazu, mit einer zu mechanischen Auffassung der geistigen Phänomene zu arbeiten. Es lohnt sich, der modernen Psychologie einige Aufmerksamkeit zu schenken.

 

So fern uns nördlichen Menschen Aragons elegante und traditionsbestimmte französische Rhetorik liegt, so nah ist uns die natürliche und einfache menschliche Ausdrucksform der Russen. Sie haben einen guten, gesunden Humor, der plötzlich in einer Randbemerkung durchschlägt, und eine glückliche Veranlagung, ihn mit Ruhe zu nehmen, wenn es nicht eilt.

 

Für den Grundtvigianismus … ist der Herrgott der Hervortretende in der Dreieinigkeit. Er ist ein Naturgott, der sich nicht wesentlich von andren Naturgöttern unterscheidet, der Schöpfer und Aufrechthalter, der die Dinge zum Wachsen brachte und die Ernte schenkt und der das Korn auf dem Feld wachsen lässt und das Kalb in der Kuh. Die Welt ist sein Bauernhof, und er selbst ist der große Bauer, ein wohlwollender und üppig angelegter Dienstherr, der seinen Hof so anlegt, dass Vieh und Volk darauf gedeihen. (vgl. „Die Tagelöhner“ Seite 56)

 

Und die Fischerei – namentlich an der Westküste – ist höchst gefährlich. Das hat die Weltsicht dieses Landproletariats geprägt. Es gab kaum eine Möglichkeit die Verhältnisse durch Organisation gegen die Ausbeuter zu verändern, und das Landproletariat wandte sich deshalb der Religion zu.

 

Und der Unterschied der Weltsicht wird also entscheidend. Auf der fetten Erde ist die Bevölkerung hauptsächlich grundtvigianisch, aber wenige Kilometer weiter weg ist sie hauptsächlich missionisch. Man kann in Wirklichkeit sagen, dass wir zwei Religionen haben, die jede buchstäblich ihre natürliche Erdverbundenheit besitzt.

 

An der Westküste wird das Volk missionisch, genauso wie fette Äcker Grundtvigianer schaffen.

 

Die Innere Mission muss also, trotz ihrer Verwerfung der proletarischen Kampfmethode, als eine proletarische Protestbewegung gesehen werden. Sie ist menschlich anziehend, weil sie – ganz gewiss irrational – ein Versuch einer geordneten Lebensanschauung ist, wo es zumindest richtig ist, dass sie keineswegs das Bestehende akzeptiert. Aber aus marxistischer Sicht ist sie gefährlich, denn sie projiziert den Protest gegen die soziale Unordnung in die Ewigkeit.

 

Ein Grundtvigianer kommt in den Himmel, wenn er nur seiner irdischen Arbeit nachgeht und sich anständig benimmt. Die Mission verlangt Entsagung und demütige Unterwerfung in allen Bereichen des Daseins. Darin liegt die Andeutung einer sozialen Erhebung. Die Unterschicht erhöht  ihre Lebensanschauung gegen die anderer Stände und macht sie zu einer religiösen Norm.

 

Die verbotenen sexuellen Vorstellungen und Wünsche lassen sich nun nicht ohne weiteres verdrängen. Sie leben im Unterbewusstsein weiter und tauchen unter Verkleidung, mit enormer Gefühlsstärke, wieder auf. Für den erotisch Gehemmten liegt es nahe, seine sexuelle Energie in religiösen Vorstellungen abzureagieren.

 

Es ist Sitte geworden, mit ganz besonderer Feierlichkeit vom „religiösen Erlebnis“ zu sprechen. … Was es so seltsam macht, ist die Gefühlsbetonung – es handelt sich sehr häufig um verschleierte sexuelle Wunschträume, die ganz sicher oft unverständlich bleiben, weil das „Erlebnis“ nicht verlässlich geschildert, sondern übersetzt wird.

 

Die erste Bedingung für eine glückliche Gesellschaft ist die sexuelle Befreiung, die jedem gestattet, nach seiner Natur zu leben.

 

Es ist meine Überzeugung, dass der Humanismus nicht bestehen kann, wenn er nichts hat, worauf er begründet ist. Eine Machtgrundlage, wenn man so will. Die marxistische Richtung, der ich zugehöre, ist ein Anhänger des Humanismus. Wir Kommunisten wünschen gerade eine neue Gesellschaft aufzubauen, wo die Individualitäten sich frei entfalten können und wo jeder einzelne Mensch seinen Beitrag dort leisten kann, wo man sich tüchtig weiß, und ansonsten sein Leben sicher lebt nach seinen eigenen Maßstäben und nach seinem eigenen Kopf.

 

Kennzeichen eines Bestsellers ist es, dass er die Wirklichkeit verfälscht oder deren wirkliche Probleme vermeidet. Er ist nicht problemlos, aber seine Probleme haben nichts mit dem sozialen Leben zu tun. Er konstruiert eine Reihe Scheinprobleme, die auf konservative oder kleinbürgerliche Art und Weise gelöst werden. Er versucht, den Leser an eine verlogene und vor allem individualistische Auffassung des Daseins zu binden. Seine Moral ist triefend sentimental und, ganz allgemein gehalten, eine lasst-uns-gut-miteinander-sein-Moral.

 

Hätte Luther durch seine kraftvolle religiöse Propaganda die Deutschen nicht mit einer unausrottbaren Ehrfurcht vor der Obrigkeit geprägt, sie gelehrt, das jedwede Obrigkeit, selbst die nazistische, von Gott und dass der Wille der Obrigkeit Gottes Wille sei, dann wäre es Hitler und seinen Kumpanen wohl nicht gelungen, so willige Werkzeuge zu finden.

 

„Liebe Kameraden!

Ich schreibe diese Worte zu einem Zeitpunkt an euch, wo ich fühle, dass die Dunkelheit mich bald umschließen wird, und wo ich das, was ich noch sagen will, nun sagen muss. Ich schreibe ohne Angst vor dem Tod und ohne persönlichen Groll auf jemanden. Ich habe Feinde gehabt, aber das waren auch eure Feinde, und ich weiß, dass ihr den Kampf dort fortsetzen werdet, wo wir Schulter an Schulter gestanden haben.

Aber nicht um euch zu ermahnen, schreibe ich, denn ich vertraue euch und unserer Partei voll. Es ist, um euch Dank zu sagen. Dank für das Vertrauen, das ihr mir entgegen gebracht habt, für die Offenheit und Ehrlichkeit, dir ihr mir gegenüber gezeigt habt, für die treue Kameradschaft, die ihr mir geschenkt habt.

Lebt wohl, liebe Kameraden!

 

Hans Kirk“ (Offener Brief im Parteiorgan „Land og Folk“, nach Kirks Tod veröffentlicht)

 

 

 

© Auswahl und Übersetzungen Jörg Seidel