Tom Kristensen (Schriftsteller)


Der größte dänische Romanschriftsteller der dreißiger Jahre heißt Hans Kirk.

 

Er ist Realist, wie Henrik Pontoppidan und Martin Andersen Nexø es waren. Der Stil muss sich streng an die Wirklichkeit halten, ohne impressionistische Einlagen und vollständig entblößt vor dem romantischen Schneckenhaus.

 

Hans Kirk ist der zielbewussteste unserer Autoren. Schon mit seinem Debutbuch „Die Fischer“ schuf er den dänischen sozialen Roman. Ihm allein gebührt die Ehre. Alle anderen haben von ihm gelernt. Mit dem Roman „Die Tagelöhner“ ging er einen Schritt weiter auf seinem schwierigen Weg. Er wollte nicht länger eine Menschengruppe schildern, die durch das Christentum zusammengehalten wurde, sondern Gruppen, die aus ökonomischen Gründen zusammenhalten, und auf diese Art und Weise konnte er die Industrialisierung und den Gewerkschaftskampf ins Leben integrieren. Und mit seinem neuen Roman „Die Neuen Zeiten“ setzt er seinen Lauf fort. Es ist eine breite Spur, die er durch die Literatur der 30er Jahre gezogen hat … Da findet sich kein einziger verlogener Zug in diesem Werk! Es ist klassisch, schon am ersten Tag seines Erscheinens.

 

Eine Streikschilderung, die keiner anderen in der Literatur gleicht. (über „Die neuen Zeiten“)

 

Kein zeitgenössischer dänischer Dichter hat ein derart tiefes Verständnis der Mannigfaltigkeit der Gegenwart wie er, und keiner einen solch ehrlichen Willen diese Mannigfaltigkeit so sachlich wie möglich wiederzugeben - und trotzdem ist er nie langweilig. Er hat einen leisen Humor, und wenn er eine Sache erzählt hat, ist es, als ob er sanft seine flache Hand auf den Tisch legt und sagt: So ist es! – und ein ganz klein wenig lacht.

 

Hans Scherfig (Autor)

 

Kirks Stil ist knapp und nüchtern. Es gibt keine Schilderungen, keine Beschreibungen. Da ist das Leben, die Wirklichkeit, geordnet und konzentriert, von einem großen Künstler anschaulich gemacht. Die Menschen leben selbst. Sie werden nicht beschrieben.

 

Hakon Stangerup (Kritiker)

 

Wenn das kollektive Literatur ist, dass alle Personen vor Leben strotzen und vor Wahrheit überzeugen, dann Hurra der kollektiven Literaturtheorie! Sie ist in diesem Falle das Gegenteil des Marxismus …

 

Kai Friis Møller (Kritiker)

 

Man könnte eine Figur nach der anderen erwähnen, die, einmal getroffen, für immer unvergesslich bleibt. Und Kirks großartige Fähigkeit, Personen zu schildern ist mit der ebenso fruchtbaren Fähigkeit verbunden, Situationen zu schaffen, in denen wir diese Personen als Charaktere in Funktion erleben.

 

Carsten Jensen (Autor, Literaturwissenschaftler)

 

So ist Kirk zugleich der erste marxistische Verfasser in Dänemark und außerdem der, der eine hundertjährige epische und politische Tradition beschließt, des Bauernlandes letzte große literarische Erscheinung, Vollender jener Freiheitstradition, die in der Alltagskultur wurzelte und von Aakjærs, Skjoldborgs, Nexøs und Pontoppidans Autorschaft fortgesetzt worden war.

 

Aber das ist ein Beweis der Qualität in Kirks Autorschaft, dass dieser Zusammenbruch so spät eintraf. (über Kirks politische Entgleisungen der letzten Lebensjahre)

 

Torben Brorstrøm (Kritiker)

 

Ein sogenannter Kollektivroman wie „Die Fischer“ zeigt eine Gruppendynamik, wie sie in einer Gesellschaft entstehen kann, und alleine das ist etwas Neues in der Literatur. Das Dynamische in Hans Kirks Roman zeigt sich ganz klar im Stil des Buches. Es ist mit flinken, festen Strichen in wechselndem Auftritt gestaltet.

 

Morten Thing (Biograf, Literaturwissenschaftler, Historiker)

 

Kirk hatte eine große Vorliebe für den Volksglauben, den das Christentum noch nicht verbogen hatte.

 

Ein Kollektivroman hat als seine „Hauptperson“ kein Individuum, sondern eine Gruppe mit gemeinsamen Bedingungen. Literarisch gesehen, kann man mit der Schilderung des Gruppenlebens zwei Pointen erreichen. Man kann zuallererst der Tendenz entgegenwirken, dass ein Roman die Vorstellung eines Individuums wird, das durch eine Allee von Nebenpersonen wandert. … Man kann zum anderen zeigen, dass jedes einzelne Individuum ein Teil eines Musters sozialer Relationen ist, das nicht mehr den geradlinigen Charakter der Allee hat, sondern ein bedeutend komplizierteres Muster ist.

 

Aber wenn das Buch („Fiskerne“) ein psychoanalytischer Roman ist, so ist es entschieden auch ein Roman der Arbeit. Arbeit ist ein nahezu mystischer Begriff. Sie wird in einer ahistorischen Bedeutung als menschliche Wesensaktivität gebraucht. Nur der, der eigentliche physische Arbeit macht, ist eigentlich ein Mensch.

 

Werner Thierry (Kritiker, Biograf)

 

Kirks Fischer sind aus dem gleichen Stoff gemacht wie Millionen um uns herum, anfangs ohne deutliche individuelle Züge, aber nach und nach, wenn wir sie besser kennen lernen, gewöhnlich und einzigartig wie die anonymen Einzelgänger in der Masse. Der einzige Lehrmeister, zu dem sich Kirk offen bekennen würde, ist eine so verhältnismäßig ferne Größe wie Knut Hamsun, und hier dachte er sicher nicht an den Künstler der Stimmungen und des heimlichen Lebensgefühls, sondern eher an den Dichter, der eine Stadt bevölkern und ein Dutzend Menschen nebeneinander im selben Roman am Leben erhalten konnte.

 

Die materialistische Analyse des Verhältnisses von Ökonomie und Religion hatte Kirk in seinen Zeitschriftartikeln vorgenommen; im Roman ließ er diese Analyse unter der Wasseroberfläche liegen. Deshalb konnte „Die Fischer“ unmittelbar zu Herzen von tausenden dänischen Lesern sprechen, von denen viele glaubten, der Verfasser sei selbst Fischer oder sogar missionisch gewesen. Wer Lust hat, kann das als Fehler bezeichnen, aber das hat der Laufbahn in der dänischen Lesewelt kaum geschadet.

 

Ob man nun einen Roman auf einem einzelnen Helden oder einer Heldin aufbaut oder ob man einen ganzen Flock durch die Erzählung folgen lässt, muss diese doch ihre Lebenskraft und ihren Wert aus der Tiefe und der Glaubwürdigkeit der Individuen schöpfen und aus der Wahrheit des Gesellschaftsbildes. Hans Kirks Romane der Zwischenkriegszeit sind Meisterstücke dieser „Kollektivkunst“, aber in seinen Nachkriegsbüchern ist davon nur noch ein kleiner Rest geblieben.

 

Anscheinend ist die Technik die gleiche wie in „Die Fischer“, jene, den man den „kollektiven Roman“ nannte; eine Gruppe Menschen, ohne eigentliche Hauptgestalten und ohne feste Grenzen nach außen, wird durch einen bestimmten Zeitverlauf verfolgt. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Die Fischer lebten voll und ganz in ihrer eigenen Welt und deren eigenem Zeitverlauf, während das Leben der Tagelöhner vom Gang der Geschichte bestimmt wird.

 

Innerhalb des Rahmens dieser Alltagserzählung sehen wir zugleich … die verderbende und veredelnde Wirkung der Religion, und wir sehen, woher Hans Kirk sein fundamentales Wissen von der Erbärmlichkeit und der Größe der Menschen hat.

 

Geschichte der dänischen Literatur

 

… Kollektivschilderungen, in denen also nicht eigentlich von Einzelpersonen, sondern von einer Menschengruppe erzählt wird. Der vornehmste Vertreter dieser Romanform ist Hans Kirk.

 

 

©Auswahl und Übersetzungen Jörg Seidel